- Einleitung
- Anmerkungen:
- Hauptteil
- 1. Medienkritik bei Platon
- 1. 1. Thesen aus Platons Dialog Phaidros:
- 1. 2. Platons Schriftlichkeit
- 2. Medienkritik heute
- 2.1. Walter Ong zur Literalität
- 2.2. Neue Medien und Sprache
- 3. Zusammenfassung und Gegenüberstellung:Platons Schriftkritik
- Neue Medien-Kritik
- Schluß
- 4. Umgang mit den Neuen Medien?
- Literaturverzeichnis
Einleitung
"Ursprüngliche Formen authentischen Weltbezugs werden von medialen
Formen künstlicher Surrogate immer mehr überlagert und verändert."[1]
Anmerkungen:
In der vorliegenden Arbeit geht es um das Verhältnis von Medien
und Sprache und damit um die mittelbare Aneignung von Welt. Schon
Platon hat sich hierzu kritisch geäußert, indem er dem Medium
der Schrift eindeutige Nachteile gegenüber dem primären Medium[2] Sprache zuordnete. Es geht auch bei der Kritik an neuer Medientechnik
um die Frage, wie sich das Medium auf den Inhalt auswirkt und
damit auch auf die Beziehung von Sender und Empfänger. In diesem
Zusammenhang möchte ich einige Thesen von Platons Schriftkritik
aus dem Phaidros vorstellen. Unter seinem Blickwinkel erscheint unser eigener,
selbstverständlich gewordener Umgang mit Schriftsprache in neuem
Licht. Platons Thesen stellen außerdem einen der Ausgangspunkte
für das Verständnis von aktueller Kritik an den Neuen Medien dar,
woraus ich wichtige Punkte nennen will. Sie werden Platons Medienkritik
gegenübergestellt. Überlegungen, wie mit den Medien kritisch umgegangen
werden kann, um ihre Vorteile zu nutzen und mit den Nachteilen
bewußt umgehen zu können, beenden die Arbeit.
Hauptteil
1. Medienkritik bei Platon
1. 1. Thesen aus Platons Dialog Phaidros:
Der Schlußteil des Dialogs Phaidros ( 274 a 6-275 d 3) "(...) bietet nicht allein die Antwort Platons
auf die Frage des Verhältnisses von mündlicher und schriftlicher
Philosophie, sondern vor allem auch den Schlüssel zur Beantwortung
dieser Frage aus dem Gesamtwerk."[3]
Die wichtigsten Thesen der platonischen Schriftkritik, die im
Phaidros explizit werden, sollen hier vorgestellt werden.
Die Schrift vermehrt nicht das Wissen des Menschen:
Die Schrift entbehrt der diskursiven Wissensvermittlung der mündlichen
Lehre, bei welcher Inhalte entwickelt werden können. Der Text-Leser
glaubt nur zu wissen, das heißt, er meint. Platon nennt ihn den Doxosophen, den Meinungsträger. Dieser ist "(...) kenntnisreich, aber nicht
einsichtsreich (...)".[4]
So sagt bei Platon der ägyptische König Thamus zu Theuth, der
ihm seine Erfindung der Schrift vorstellt:
"(...) diese Kunst wird Vergessenheit schaffen in den Seelen derer,
die sie erlernen, aus Achtlosigkeit gegen das Gedächtnis, da die
Leute im Vertrauen auf das Schriftstück von außen sich werden
erinnern lassen durch fremde Zeichen, nicht von innen heraus durch
Selbstbesinnen. Also nicht ein Mittel zur Kräftigung, sondern
zur Stützung des Gedächtnisses hast du gefunden. Und von Weisheit
gibst du deinen Lehrlingen einen Schein, nicht die Wahrheit: wenn
sie vieles gehört haben ohne Belehrung, werden sie auch viel zu
verstehen sich einbilden, da sie doch größtenteils nichts verstehen
und schwer zu ertragen sind im Umgang, zu Dünkelweisen geworden
und nicht zu Weisen"[5].
Eine Gegenüberstellung zwischen Innen und Außen wird in diesem
Absatz offenkundig. Der wirklich Wissende bewahrt seine Weisheit
ohne äußere Hilfe bei sich selbst und hat sie immer zur Verfügung,
um sie in der Lehre weiterzuvermitteln. Derjenige, der nur scheinbar
in Besitz von Weisheit ist, bedarf der äußeren Stütze und trägt
sein "Gedächtnis" außerhalb seiner selbst in der manifestierten
Schriftsprache.
"Die Geschichte von Theuth besagt, daß das primäre Erwecken von
wirklicher Einsicht an Unterweisung gebunden ist, während die
Schrift bestenfalls zur sekundären Reaktivierung schon vorhandener
Einsicht taugt - jedenfalls gilt dies, wenn wir von `Einsicht'
verlangen, daß sie etwas Deutliches und Beständiges (...) sei."[6]
Die Schrift ist nur Abbild und eine leblose Kopie des Urbildes
der belebten und beseelten Sprache.
Entscheidend ist hier die abwertende Bedeutung des Wortes `Abbild':
es ist " (...) prinzipiell von geringerem Rang als das `Urbild',
hat nicht dieselbe `Wirklichkeit' und `Kraft'."[7]
Die Schrift ist angewiesen auf die mündliche Sprache als Grundlage
und auf die Fixierung auf (äußeres) Material. Sie steht immer
in einer Abhängigkeit.
"Da die Bedeutung der Rede Seelenleitung ist, so muß, wer ein
Redner werden will, notwendig wissen, wieviel Arten der Seele
es gebe: Es sind ihrer so und so viele und ihre Beschaffenheit
ist die und die, infolge wovon die einen Menschen so werden, die
andern so. Wenn diese unterschieden sind, so gibt es hinwiederum
auch von Reden so und so viele Arten, jede von bestimmter Beschaffenheit.
(...) Ist einer imstande, ordentlich zu sagen, was für ein Mensch
durch Reden bestimmter Art überzeugt wird, und fähig für einen,
der ihm vorkommt mit unterscheidendem Scharfblick für sich zu
beurteilen (...), dann ist die Kunst gut und vollkommen; vorher
aber nicht."[8]
Platon versteht die mündliche Rede als eine Leitung der Seele
des Lernenden. Dadurch, daß der Lehrer die Möglichkeit hat, seine
Worte an die Verständigkeit und Fähigkeit seines Gegenübers anzupassen,
wird seine Lehre lebendig. Sie ist kein pauschal vermittelter
Inhalt, sondern lebt durch die Individualität der Gesprächspartner.
Die Schrift dagegen vermag es nicht, sich anzupassen:
Die Schrift kann sich den Adressaten/ Leser nicht aussuchen und
treibt wahllos umher.
Die letztgenannte und die folgende These erhalten ihre Kritik
nicht "(...) aus der Schriftlichkeit an sich, sondern erst aus
dem Faktum schriftlicher Publikation:"[9]
Die Schrift "kann sich selbst nicht helfen" und bedarf des Eingreifens
ihres Autors.
Da die Schrift unbeseelt und leblos ist, kann sie sich bei Kritik
nicht selbst verteidigen. Der Fragende oder Kritiker wird immer
wieder auf das zurückgeworfen, was er schon vor Augen hat. Die
fixierten Worte bleiben dieselben und variieren nicht im Ausdruck.
Platon gibt an dieser Stelle einen anschaulichen Vergleich zwischen
Schrift und Malerei. Die Malerei gaukelt durch "naturgetreue"
Darstellungsweise eine Lebendigkeit des Motivs vor, die tatsächlich
nicht vorhanden ist. Gegenüber jeglicher Frage hüllt sie sich
in Schweigen.
"Ebenso auch die Worte eines Aufsatzes: du möchtest glauben, sie
sprechen und haben Vernunft; aber wenn du nach etwas fragst, was
sie behaupten, um es zu verstehen, so zeigen sie immer nur ein
und dasselbe an."[10]
Klarheit und Vollständigkeit kommt dem Mündlichen und nicht dem
Schriftlichen zu.
Diese These stellt eine Zusammenführung der vorherigen Thesen
dar. Die Rede ist ein Fragen und Antworten, in dem Aussagen auf ihren Geltungsanspruch hin überprüft werden.
Der Wissen-vermittelnde Lehrer kennt die Seele seines Schülers
und kann seine Rede nach ihm ausrichten. So kann er einem wenig
Begabten einfache Inhalte vermitteln und einem sehr begabten Schüler
komplexere. Der Sprechende kann außerdem seine Rede immer wieder
erneuern und sein Wissen von verschiedenen Seiten darstellen.
Er kann auf die Vielfalt der sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten
zurückgreifen, während bei der schriftlichen Fixierung die Entscheidung
für eine bestimmte Formulierung zwingend ist.
Der philosophische Schriftsteller vertraut den Schriften nicht
die wirklich wichtigen Dinge an.
Die Kritik der Schriftlichkeit mündet in eine Bestimmung des Philosophen:
Derjenige, der keine wertvolleren Dinge als seine Schriften besitzt,
erhält seinen Namen nach den Inhalten dieser Schrift. Z.B.: Reden-Schreiber, Gesetzes-Schreiber. Derjenige aber, der noch Wertvolleres besitzt als seine Texte,
der das Wahre kennt und in mündlicher Rede seine Schriften erläutern,
verteidigen und noch steigern kann, ist der Philosoph. Der Philosoph ist der die Weisheit-Liebende. Sein Name birgt, so Platon, die Dimension der Mündlichkeit, zu
der wesentlich die Entwicklung von Gedanken im Wechselspiel von
Frage und Anwort, im Dialog, gehört.
"Wenn das, womit dem Philosophen Ernst ist, Philosophia heißen
soll, so ist `Philosophie' für Platon das mündliche Gespräch,
das der `Wissende' zur `Belehrung' eines ausgesuchten `Lernenden'
führt."[11]
1. 2. Platons Schriftlichkeit
"Die Entgegensetzung von Geschriebenem als bloßem Abbild und lebendig
beseelter Rede als dem Eigentlichen lenkt den Blick vorerst nicht
auf die Möglichkeit, daß auch der `Wissende' etwas schreiben könnte."[12]
Um dem Phänomen von Platons schriftlicher Tätigkeit näher zu kommen,
muß an seine Definition des guten Philosophen erinnert werden:
Dieser weiß noch mehr (mündlich zu berichten), als dasjenige, was er geschrieben hat. Hier ist
es notwendig, einen Blick auf den 7.Brief zu werfen. Dort finden sich Andeutungen auf die Dinge, die Platon,
eben aus den Gründen der pädagogischen Lehre und Wissensvermittlung,
nicht niederschreibt. In seinen "ungeschriebenen Lehren"[13] geht es zum Beispiel um das Gesamte; die größten Dinge; das
Gute; die Wahrheit der Tugend und des Lasters; das Falsche und
das Wahre des gesamten Seins; die ersten und höchsten Prinzipien
der Wirklichkeit u.a.m.
Platon ist der Ansicht, daß das Schreiben über die höchsten Wahrheiten
an sich möglich wäre (er selbst könne es am Besten). Es wäre aber
unnütz, da es nur die wenigen verstünden, die auch von selbst
darauf kommen könnten. Es wäre außerdem sogar schädlich, da es
die Mehrheit mißverstehen und Wissen beanspruchen würde.
Die Auffassung, das Schreiben über die höchsten Dinge sei möglich,
scheint nun dem vorher Gesagten zu widersprechen. Ein Schlüssel
zur Klärung läßt sich nur durch eine Deutung dessen finden, wie
diejenige Schriftform aussehen könnte, die zur Wahrheitsvermittlung
in der Lage sei: Als entscheidend für die Vermittlung von Wahrheit
wurde das Prinzip des Dialogs genannt. Szlezák weist auf die Dialogform
der Texte Platons hin, in denen die Form der mündlichen Rede simuliert
wird:
" (...) enthalten die Dialoge als `Abbilder' der `lebendigen'
Rede des Sokrates Situationen, in denen er seine Fähigkeit, sich
und seinem Logos zu helfen, unter Beweis stellt? Es wird sich
zeigen, daß die Dialoge solche Situationen in Fülle bieten (...)".[14] Für Szlezák stellen die Dialoge eine "modellhafte Vorwegnahme
der Hilfe"[15] dar, von der gesagt wurde, daß sie bei der mündlichen Rede
entscheidend ist. Immer wieder werden im Dialog Gedanken von mehreren
fragenden Seiten beleuchtet. Die Fixierung der Schriftsprache
auf einen bestimmten Wortlaut und ihre Unfähigkeit, "sich selbst
zu helfen", wird durch die dialogische Entwicklung der Dinge aufgebrochen,
zumindest erweicht. Doch wie steht es mit der Thematisierung dessen,
was die "ungeschriebene Lehre" erhält? Für Szlezák gibt es eine
mögliche Antwort: "Denn das, was nicht in die Schrift eingeht,
kann gleichwohl inhaltlich kenntlich gemacht werden durch eine
umrißhafte Beschreibung, durch Hinweise auf seine Natur und Bedeutung.(...)
[Es wird] sich zeigen, daß die Dialoge voll sind von Aussagen,
die die Notwendigkeit weiterer Begründung und Abstützung ihrer
eigenen Ergebnisse klar aussprechen."[16]
2. Medienkritik heute
2.1. Walter Ong zur Literalität
"Plato hielt das Schreiben für eine äußerliche, fremde Technologie.
Viele Leute denken heute ähnlich über die Computertechnologie.
Wir haben das Schreiben heute derartig tief verinnerlicht und
zum Teil unseres Wesens gemacht, wie dies zu Platos Zeiten noch
undenkbar war (...). Deswegen fällt es uns schwer, das Schreiben
in der Weise als Technologie zu begreifen, in der wir gewöhnlich
das Drucken sowie die Computertechnik als Technologie auffassen."[17]
Ong differenziert das Bild dessen, was Schriftsprache für ihn
bedeutet, und erwähnt wichtige Aspekte für eine Medienkritik.
Wie Platon spricht Ong von der Statik des Textes, der auf Kritik
und Fragen nicht reagieren kann. "Dies ist ein Grund dafür, daß
der Ausdruck `es steht geschrieben' gewöhnlich wie der Ausdruck
`es ist wahr' verstanden wird. Es ist auch ein Grund dafür, daß
Bücher verbrannt worden sind. Wenn ein Text etwas behauptet, das
der Meinung der ganzen Welt zuwiderläuft, dann tut er das, solange
er als Text existiert. Texte sind per se widerspenstig."[18]
Laut Ong hat das Schreiben einen drastischen Einfluß auf Denken
und Bewußtsein der Menschen. "Der Grund für die quälenden Verwicklungen
ist offenbar in der unerbittlichen Reflexivität des Denkens zu
suchen, das selbst die äußeren Hilfsmittel, mit deren Hilfe es
seine Arbeiten ins Werk setzt, `internalisiert', das heißt zu
Teilen des eigenen Reflexionsprozesses macht."[19]
("Nietzsche (...) tippte schon 1882 auf seiner neuen Schreibmaschine:
`unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken.' "[20])
Ong stellt jedoch auch deutlich positive Aspekte der Schrift heraus.
Aufgrund ihrer 'Künstlichkeit' (im Unterschied zur oralen Rede,
die für jeden "gesunden" Menschen `natürlich' ist) ergeben sich
Möglichkeiten zur Realisierung "humanen Potentials": "Das Schreiben
steigert die Bewußtheit. Entfernung vom natürlichen Milieu kann
uns nützen, sie ist in vieler Hinsicht unabdingbar für das menschliche
Leben. Um zu leben, um voll zu verstehen, benötigen wir nicht
nur Nähe, sondern auch Entfernung. Schreiben schafft diese Entfernung,
dient so, wie nichts anderes, dem Bewußtsein."[21]
Ong sieht das Schreiben als wichtige Ergänzung zur Mündlichkeit
und in seiner Künstlichkeit als etwas spezifisch Menschliches
an. ("Sorgfältig interiorisierte Technologie degradiert das menschliche
Leben nicht etwa, sondern erhöht es im Gegenteil"[22] .)
Was für uns Schrift bedeutet, hat, wie schon erwähnt, eine langen
Prozeß der Gewöhnung durchlaufen und hat in unserem Alltag Funktionen,
die für Platon wohl noch nicht vorstellbar waren. Dennoch sind
Platons Einwände gegen die Schrift für Ong nicht entkräftet, auch
wenn Ong der Schrift positive Merkmale der Distanzierung und Bewußtheit
zuordnet.
2.2. Neue Medien und Sprache
Ich möchte nun einige Thesen vorstellen, die in der Diskussion
um den Einfluß der Neuen Medien auf Sprache diskutiert werden.
Der Titel des Buches, dem ich mein Material entnommen habe, macht
seine Position deutlich: "Wir sprechen anders. Warum Computer
nicht sprechen können."[23]
Der Annahme einer Computersprache, die der Sprache des Menschen
gleich sei, wird widersprochen.
Hauptgegenstand der neuen Diskussion ist die Konfrontation des
Menschen mit dem Computer. Eine häufig zu findende Ansicht besteht
darin, daß der Computer nur eine Tendenz unterstütze, die in ihren
Grundlagen schon angelegt sei. Das heißt, daß der Computer nicht
eine grundlegend qualitative Änderung des Umgangs mit Sprache
bewirke.
2.2.1.
So schreibt etwa Uwe Pörksen: "(...) nachdem die Umgangssprache
mathematisiert ist, ist sie prädisponiert für die Aufnahme des
Computers. Der Computer ergänzt die Entwicklung."[24]
Zur Erläuterung dieser These spricht Pörksen von "Amöbenwörtern",
die von einer starken Durchdringung der Umgangssprache von abstrakter
Wissenschaftssprache herrühren. Wörter wie "Energie", Information"
oder "Prozeß" "(...) entstammen der Wissenschaft oder sind durch
sie hindurch gegangen, also Rückwanderer. An ihrem Ursprung mögen
sie eine präzise Bedeutung gehabt haben, aber nun haben sie etwas
Unbestimmtes angenommen (...) sind vertauschbar und dringen überall
ein. Sie sind Alltagsdietriche, die mit leichtem Griff neue Räume
öffnen."[25]
Pörksen kritisiert an diesen Amöbenwörtern den hohen Abstraktionsgrad.
Er mag in dem Ursprungsbereich einer Wissenschaft seinen Nutzen
als klar definiertes Handwerkszeug haben. In der Umgangssprache
entbehren diese Wörter jedoch jeglicher Lebensdimension, wie Kontext,
Historie oder Individualität. Die Wörter täuschen einen abstrakten,
entkontextualisierten Raum vor, den es real nicht gibt. Es gibt
keine "Sprache an sich". Sie ist nur innerhalb eines Systems verständlich
und sinnvoll.
"Wir erfahren, wie zunehmend Lebensräume in künstlichen, flächendeckenden
Wortnetzen erschlossen und erfaßt werden. (...) Die starre Geometrisierung
und Verzifferung erstreckt sich in immer neue Nischen."[26]
Der Computer führt an diesem Punkt weiter und setzt die Abstrahierung
fort. Das zusätzliche Problem besteht laut Pörksen nun in den
"(...) verfeinerten und außer Kontrolle geratenen Mitteln."[27]
Je differenzierter die technischen Mittel werden, umso größer
wird die Distanz zu und die Möglichkeit eines bewußten Umgangs
mit ihnen erschwert. Wir merken nicht, wie unser Alltag von "flächendeckenden
Wortnetzen" und "verfeinerten Mitteln" durchdrungen ist. Die scheinbar
gemeinsame Sprache von Wissenschaft und Alltagswelt täuscht über
die bestehende Kluft zwischen diesen Bereichen hinweg. Pörksen
zitiert Platon: " ` o kunstreicher Thoth, einer weiß, was zu den
Künsten gehört ans Licht zu bringen; ein anderer zu beurteilen,
wieviel Schaden und Vorteil sie denen bringen, die sie gebrauchen
werden' (...). Dieser andere fehlt. Es fehlt die Selbständigkeit
des Politischen. Die Autonomie der Lebensbereiche. Wir sind die
Opfer eines totalitären Monismus der Naturwissenschaften bzw.
ihrer Transformatoren. Die Sprache spiegelt den Vorgang und bereitet
ihn vor. In der uralten ägyptischen Sage, die Sokrates im Phaidros
erzählt, sind die Sphären vollständig getrennt. In der Gegenwart
gehen sie nahtlos ineinander über. Über ihre gründliche Verschiedenheit
täuscht, wie gesagt, die gemeinsame Sprache (...) hinweg."[28]
Auch bei Platon ging es um die Kluft zwischen "Wirklichkeit" und
ihrer Aneignung, bzw. dem Verstehen von Wirklichkeit. Platon bezeichnete
die Schrift als leblose Kopie des Urbildes, der mündlichen Sprache.
Wenn Mündlichkeit den Anspruch erheben kann, zur Erlangung von
Wahrheit zu verhelfen, und wenn die Technik der Schrift als Medium
für Wahrheit versagt, besteht eine Trennung zwischen den Bereichen
"primärer Wirklichkeit" und "vermittelter Wirklichkeit". Die Kluft
kann mit dem Medium Schrift nicht überbrückt werden.
2.2.2.
Für Hartmut von Hentig besteht ein wichtiges Problem in dem Distanzverlust
durch die zunehmende Angleichung der "Benutzersprache" am PC an
die "natürliche" Sprache. "Solange wir die Computer in ihrer Sprache
programmieren müssen, bleiben wir uns des Abstraktionsprozesses
bewußt (...) Der Computer erlaubt es [aber] nun, immer mehr Daten
zu verarbeiten, (...) immer mehr Abweichungen mit immer mehr potentiellen
Ursachen zu korrelieren - um immer künstlicherer Konstrukte willen.
Je weiter man es hierbei bringt, um so weniger wird man das Abgestreifte,
den Verlust an Wirklichkeit wahrnehmen."[29]
Hier zeigt sich eine Parallele zu Platons Schriftkritik: Seiner
Ansicht nach glauben die Leser eines Textes nur, etwas zu wissen.
Sie wissen jedoch nicht wirklich etwas, da sie es nicht im Dialog
entwickelt haben. Der Verlust an Wirklichkeit bzw. die Distanz
dazu ist ihnen aber nicht bewußt. Ein psychologischer Aspekt wird
hier angesprochen. Die Aufnahme von Information entspricht noch
nicht ihrer Verarbeitung. Und erst dasjenige, was geistig verarbeitet,
also entwickelt und nachvollzogen ist, ist auch "gewußt".
Von Hentig warnt jedoch vor einer einseitigen und negativen Kritik
am Computer. "Wer sich über den Computer beklagt, weil er unsere
Beziehungen mechanisiere, materialisiere, mediatisiere (...),
klagt an der falschen Stelle: Nur weil unsere Beziehungen schon
so sind, kann der Computer zu ihrer Verwaltung eingesetzt werden
(...) Er ist die Folge, nicht die Ursache."[30]
Die Position von Hentigs läßt sich auch als Fortführung zu Platons
Schriftkritik lesen. Er spricht von der Vielfalt und Beweglichkeit
der menschlichen Sprache. Sie besitze eine Unschärfe, die sie
für die unterschiedlichsten Lebenskontexte beweglich mache. Auch
Platon nennt als ein Kennzeichen der mündlichen Rede die Flexibilität,
in dem Sinne, daß man ihren Gebrauch im Dialog an das jeweilige
Gegenüber anpassen kann.
Von Hentig: "Wir vergewissern uns (...) durch Nachfragen, durch
Selbstauslegung, durch außersprachliche Mittel und Beobachtungen.
Der Computer ist auf sofortige Eindeutigkeit angelegt. Vieldeutiges
kann er gar nicht aufnehmen; er verwandelt es durch den Akt der
Aufnahme in Eindeutiges - möglicherweise das falsche. Aber das,
wovon er sich reinigt, ist nicht das Laster der Gesprächssprache,
sondern deren eigentliche Lebenstüchtigkeit."[31]
2.2.3.
Birgit Schlieben-Lange stellt einen historischen Zusammenhang
her. Sie vertritt die Ansicht, daß eine Radikalisierung der Schriftidee
bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts vorhanden war,
"(...) als die Schriftlichkeit definitiv den Sieg über die Mündlichkeit
errang."[32] Schlieben-Lange erwähnt die Idee einer schriftlichen Universalsprache,
die aus historischen und lokalen Traditionen entbunden gedacht
war. Es gab jedoch noch keine Aussicht auf mediale Realisierbarkeit
der "(...) kontextfreie[n] Systeme der Informationsverarbeitung"[33].
Schlieben-Lange thematisiert die Sprache der Computer als Radikalisierung
der Schriftidee jedoch nur in vagen Andeutungen. Zu der Frage,
welche Folgen die Mensch-Maschine-Kommunikation für alle anderen
- nicht-digitalen - Kommunikationsformen haben werde, nimmt sie
nicht klar Stellung. Unter vagen Formulierungen wie "es wäre denkbar",
oder "es kann aber auch sein" kommt sie zu einer Zusammenfassung,
in der sie von einer "neuen Mischkultur" spricht. Die Texte werden
"(...) wieder beweglich. Die Schriftkultur mit ihren festen Texten
erscheint als ein kurzes Zwischenstadium von 200 Jahren. Man hat
den Eindruck zurückzukehren in die Domäne der Bilder und der Varietät.
Freilich ist alles anders: nach Personen, Orten und historisch
verstehbaren Zeiten wird man vergebens suchen."[34]
Einige Aspekte aus dem Aufsatz scheinen mir noch erwähnenswert,
mit denen Schlieben-Lange die Schriftlichkeit und ihre (digitale)
Radikalisierung beschreibt.
Als Merkmal von Schrift wird der Umstand genannt, daß bei diesem
Medium die körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten - wie Deixis (Zeigen)
und Ostension (Hinweisen) - wegfallen. Durch Entörtlichung und
Entzeitlichung der Schrift kommt es zu einem Vorrang der Definition
gegenüber der Deixis; die beschriebenen Dinge werden stärker durch
einen bestimmten Wortlaut fixiert.
Schlieben-Lange nennt weitere Bedeutungen der Schrift für Sprache
und Inhalt. "Die Konsequenzen der Einführung von Schrift überschreiten
jedoch die Folgen für Sprache und Texte. So scheint die Unterscheidung
von Wahrheit und Fiktion erst auf der Basis weitverbreiteter Verschriftung
möglich zu sein. Wissensbestände werden im Medium der Schrift
aus den Bedingungen der Deixis und Ostension in der Werkstatt
entbunden und außerhalb dieser praktischen Einbindung tradiert.
Dies bedeutet zunächst, daß sie viel weitergehender versprachlicht
werden müssen, um verständlich überliefert werden zu können, aber
auch, daß sie in einer neuen, praxisunabhängigen Form klassifiziert
und theoretisiert werden können."[35]
Der Dialogpartner im engen Sinne, an welchen sich das Gesagte
richtet, ist nicht mehr vorhanden; die Texte "treiben wahllos
umher", wie es auch Platon von den schriftlichen Reden gesagt
hat. Der Computer simuliert zwar einen Dialogpartner, da er auf
Befehle reagieren kann (im Unterschied zu einem konventionellen
schriftlichen Text). So ist es möglich, mit einem Rechner Schach
zu spielen. Doch kann sich der Rechner nur in einem Bereich von
vorher programmierten Reaktionsmöglichkeiten bewegen und stellt
somit kein autonomes Gegenüber dar.
Ein weiterer Aspekt der Fixierung von Texten liegt darin, daß
erst sie eine Stabilisierung von Sprache und ihre Abgrenzung gegenüber
anderen Sprachen ermöglicht. Mit diesem Phänomen verschwinden
aber - bei der Tradierung von Inhalten - die Variation und der
Wandel innerhalb einer Sprache, die für die Mündlichkeit kennzeichnend
waren. Es geht nun nicht mehr darum, "(...) das Gleiche in vielfältiger
Form zu sagen, sondern etwas anderes in einer festen Form."[36] Mit diesem Phänomen wird geistiges Eigentum schützenswert.
Inhalte wandeln sich, und der "Erfinder" eines Textes bekommt
Bedeutung.
Mit dem Computer vollzieht sich nun eine Gegenrichtung in dem
Sinne, daß die Urheberschaft von Texten unwichtiger wird: Die
Kommunikation wird unpersönlicher und freier. Die neuen Medien
erlauben einen "(...) Umschlag von Informationen jeglicher Art,
theoretisch zwischen beliebigen Menschen an jedem beliebigen Punkt
auf der Erde. Das erlaubt neue, auch anonyme Formen privaten Austauschs
(...)"[37], stellt Ulrich Schmitz unter der Überschrift "Technisierte
Kommunikation und Soziale Beziehungen" fest.
"Mit zunehmender Vernetzung von Computern wird die individuelle
Autorschaft in Frage gestellt; immer mehr Texte werden von mehreren,
unter Umständen auch anonymen, Personen gemeinsam verfaßt, redigiert,
bearbeitet und fortlaufend verändert (...). Damit verliert die
Frage nach der `authentischen ` Fassung eines Textes an Sinn (...)."[38] Das traditionelle Schema von Autor und Werk (Produktion)
auf der einen und Publikum (Rezeption) auf der anderen Seite,
ist aufgebrochen: Texte sind im digitalen Netz leicht zugänglich
für "fremde Hände" und veränderbar. Geistiges Eigentum und Urheberschaft
werden unwichtiger, und das "Wissen wird (...) in noch stärkerem
Maße als bis dahin aus den Personen ausgelagert und für beliebige
Benutzer verfügbar gehalten,"[39] sagt Schlieben-Lange zu den Phänomen der Schriftverbreitung
im 18. Jahrhundert. Dies gilt gleichermaßen für die Textverarbeitung
am Computer.
"Von einem Original zu reden, verbietet sich angesichts der Möglichkeit
verlustfreier Kopie, unbeschränkter Verarbeitung und spurenloser
Bild-, Text- und Tonmanipulation."[40]
Die Phänomene von Schriftlichkeit haben damit ein neues Merkmal
bekommen: die Bewegung, die ein Kennzeichen der Mündlichkeit war,
betrifft nun auch die Schriftsprache. Die Texte sind im digitalen
Netz nicht mehr materiell fixiert. Wird das Gerät, das zum Empfang
von Zeichen notwendig ist, ausgeschaltet, bleibt keine Spur von
den Zeichen übrig. Zudem kann ein Text, der irgendwo auf der Welt
an einem PC geschrieben wird, quasi simultan auf einem Monitor
an einem ganz anderen Punkt der Erde erscheinen (vorausgesetzt
natürlich, es besteht ein beidseitiger Anschluß an das Internet).
So werden die vermittelten Zeichen situationsentbunden und ohne
Kontexte wahrgenommen. Hier zeigt sich, daß die neue Beweglichkeit
eine andere Qualität besitzt als die "mouvance" der oralen Kultur.
Die neue Beweglichkeit besteht nicht, wie Platon sie für den mündlichen
Dialog formuliert, in der Fähigkeit, sich auf den jeweiligen Gesprächspartner
einzustellen und sich selbst zu erklären und zu verteidigen.
Bei der Kommunikation im digitalen Netz verlockt auch die Möglichkeit
des anonymen öffentlichen Marktes von Zeichen und nicht so sehr
ein direkter Austausch zwischen konkreten Kommunikationspartnern.
Dieses Phänomen führt auch zu verändertem Rezeptionsverhalten:
"Immer seltener gibt sich der Leser ganzen Texten hin, immer mehr
irrt er durch die unendlich, oft chaotisch wuchernde Semiose.
Der moderne Zeichenkonsument zappt sich durch (...). Auf der Produktionsseite
zieht das wiederum neue, wenig kohärente Textsorten nach sich
(z.B. Magazine mit immer kleineren Informationseinheiten, Clips
und Werbeeinblendungen), die in dem veränderten Rezeptionsverhalten
um Aufmerksamkeit buhlen."[41]
3. Zusammenfassung und Gegenüberstellung:Platons Schriftkritik
- Neue Medien-Kritik
Grundsätzlich kann gesagt werden, daß sich die Neuen Medien alter
Medien bedienen. So wie die Schrift sich der oralen Sprache bedient,
so nehmen auch die Neuen Medien schon vorhandene Medien als Material.
Die Schriftlichkeit wird durch sie nicht aufgehoben, sondern verändert.
Um die Thematik einzugrenzen, habe ich mich bei den Texten zu
aktueller Medienkritik vorwiegend auf Autoren bezogen, die den
Bereich der Neuen Medien auf Textverarbeitung eingrenzen. Das
heißt, daß z.B. Techniken, die mit bewegten Bildern arbeiten oder
virtuelle Realitäten erzeugen, kaum berücksichtigt werden.
Eine Gegenüberstellung von Phänomenen ist nur sinnvoll, wenn sie
vergleichbare Elemente, eine Art kleinsten gemeinsamen Nenner,
aufweisen. Ein Vergleichsaspekt kann im vorliegenden Fall darin
gesehen werden, daß es sowohl beim traditionellen Schrifttext
als auch bei digitalen Texten keine nonverbalen Aspekte gibt,
welche die unmittelbare zwischenmenschliche Kommunikation kennzeichnen.
Sowohl Platons Schriftkritik als auch der Neuen-Medien-Kritik
liegt die Auffassung zugrunde, Technik beeinflusse den Inhalt
von Sprache und damit auch des Denkens. Die Rede ist von Entpersonalisierung
und Einebnung von Individualitäten, die bei der Verwendung von
sekundären und tertiären Medien[42] nicht zur Geltung kommen können.
Bei den Neuen Medien kommt nun eine Komponente hinzu, die auch
schon in dem Medium Schrift angelegt ist, nun jedoch krasser erscheint.
Beim Umgang mit einem Medium, das nicht wie die primären Medien
ein "an den Körper gebundenes Darstellungsmittel"[43] ist, kann es zu einer Unterordnung des Individuums unter
das Medium kommen, in dem Glauben, die Technik wäre mit Objektivität
und Wissen verbunden. So sagt Platon, daß die Textleser nur glauben,
etwas von Weisheit erfahren zu haben, in Wirklichkeit aber nur
kenntnisreich, nicht einsichtsreich geworden seien. Walter Ong
meint zur Literalität: "Dies ist ein Grund dafür, daß der Ausdruck
`es steht geschrieben' gewöhnlich wie der Ausdruck `es ist wahr'
verstanden wird."[44]
Der Computer enthält nun noch mehr als der verschriftlichte Text
die Aura einer Technik, welche perfekt zu funktionieren scheint
und überprüfbar ist, im Unterschied zum fehlbaren Menschen. Durch
die "Blendung" von seiten der Technik kann es zu einer Distanz
des Menschen zu dem jeweiligen Inhalt kommen, den er behandelt:
Ein Verarbeitungselement ist zwischen den Menschen und den Gegenstand
geschaltet.
Die Neuen Medien suggerieren nun eine Zurücknahme der rationalen
Distanzierung durch das Wort, indem sie mit einer neuen Mehrdimensionalität
arbeiten. Bild und Ton können hinzugenommen werden, eine Einflußnahme
des PC-Benutzers auf den Vorgang ist möglich. Beim Lesen eines
herkömmlich verfaßten Textes jedoch ist jeglicher Einfluß unmöglich.
Der Text bleibt stets der alte.
Der Benutzer eines PC muß versuchen, seine eigene Sprache differenziert
zu erhalten, damit ihm die Trennung von mediatisierter Welt (und
deren Sprache) und unvermittelter Erfahrungswelt möglich wird.
Probleme des Vergleichs zwischen Platon und den heutigen Medien-
Kritikern bestehen meines Erachtens in dem unterschiedlichen Anliegen
und in den verschiedenen Ausgangspunkten. So geht es Platon im
Dialog um die Entwicklung und Vermittlung von Wahrheiten. Eine
elitäre Auffassung von Lehre scheint zu bestehen, wenn Platon
davon spricht, daß er sowieso von dem Großteil der Menschen mißverstanden
würde.
Der Großteil der heutigen Menschen ist schon ganz anders vorgeprägt.
Die Medien haben einen immensen Platz im Alltag eingenommen, und
es ist kaum möglich, nicht mit ihnen in irgendeiner Form konfrontiert
zu sein: "Je mehr Texte freilich geschrieben werden und je unmittelbarer
sie ins alltägliche Leben eingreifen, desto stärker muß der Leser
wählen; und er beginnt, selektiv, flüchtig und zerstückt zu lesen."[45] Während es bei Platon um die Problematik ging, überhaupt
ein sekundäres Medium anzuwenden, befindet sich die heutige Diskussionsbasis
auf einem anderen qualitativen Niveau: "Medien an sich", die über
die Ausdrucksmittel des Körpers hinausgehen, sind schon bekannt.
Die Auseinandersetzung mit den Medien findet auf einer ganz anderen
Ebene statt als zu Platons Zeit.
Es gibt zum einen mehr Alltäglichkeit mit den Medien und somit
Gewöhnung, aber zum anderen eine vielleicht immer größer werdende
Kluft zwischen Mensch und vermittelter Wirklichkeit. Es wird zunehmend
kompliziert, die Funktionsweise der technischen Geräte nachzuvollziehen
und damit vergrößert sich eine Distanz, die nicht so bewußt ist,
da die Geräte ja immer "benutzerfreundlicher" werden.
Roland Barthes spricht im Zusammenhang mit Phänomenen der Konsumwelt
von Alltagsmythen[46]. Ein Problem besteht in den vorwiegend medial vermittelten
Botschaften, wobei die Distanz von "Sender" und "Empfänger" sehr
groß ist, so daß die Botschaften als "Faktensystem" gelesen werden,
"(...) während (...) [sie] doch nur ein semiologisches System
(...)"[47] darstellen. Der Empfänger, oder Konsument, ist kaum in der
Lage, die Botschaft auf ihre Herkunft hin zu untersuchen. Wie
schon erwähnt wurde: Was geschrieben steht, wird leicht für wahr
genommen. Ein ähnliches Problem scheint mir bei dem aktiven Umgang
und vor allem bei der "passiven Konfrontation" mit den Neuen Medien
vorzuliegen. Empfange ich eine digitale Botschaft, so ist der
Sender relativ unbedeutend, meist unbekannt (zumindest in dem
Sinne, daß ich von ihm keine nonverbalen Qualitäten erfassen kann).
Und doch kann über eine gemeinsame Sache geredet werden. Aber
diese Verbindung besitzt nur einen Sachaspekt, keinen interpersonalen
Aspekt. Doch kann hier auch anders geurteilt werden: "Computer
sind auch technische Knotenpunkte für tatsächliche `Interpersonalbeziehungen'
zwischen zwei oder mehreren Menschen. Sie können technisch effizienter
(insbesondere schneller) und emotional risikoloser (insbesondere
distanzierter) sein als herkömmliche Medien."[48]
Abschließend will ich einige Thesen zur Gegenüberstellung von
Platons Schriftkritik mit Aspekten moderner Medienkritik formulieren:
- Die Neuen Medien bieten Mehrdimensionalität, im Vergleich zur
Schrift (Linearität), an. Hypertext ermöglicht nicht-lineares
Arbeiten.
- Es kommt auch zur Vermischung von Oralität und Literalität.
- Neue Medien stellen eine hohe Komplexität dar, indem sie mehrere
primäre und sekundäre Medien miteinander verbinden.
- Die Neuen Medien führen, z.B. über das Internet, Gruppen von Menschen
zusammen, die, ungeachtet ihres Standortes, simultan kommunizieren
können.
- Da die Seiten von Produktion und Rezeption nicht mehr eindeutig
festgelegt sein müssen, kommt es zu neuen "Textformen".
- Eine neue Beweglichkeit wird bei den Neuen Medien festgestellt,
die auch das alte Medium der Schrift in neue Dimensionen erhebt.
Schluß
4. Umgang mit den Neuen Medien?
Die eingangs zitierte These, daß ursprüngliche "(...) Formen authentischen
Weltbezugs (...) von medialen Formen künstlicher Surrogate immer
mehr überlagert und verändert [werden]"[49], wurde im vorangehenden Teil unter verschiedenen Aspekten
des Umgangs mit Neuen Medien - in Gegenüberstellung zur Schrift
- erläutert. Hieraus ergibt sich nun die Frage nach einer Auseinandersetzung
und kritischen Anwendung des Computers. Wie kann man zugleich
die Vorteile nutzen und mit den Nachteilen bewußt umgehen?
Der Pädagoge Hartmut von Hentig warnt davor, die Gefahren des
Computers zu dramatisieren. Der Ursprung für die Bedenken liegt
seines Erachtens in der Überschätzung des Computers. Man darf
sich vor dem PC nicht verschließen, weil man sich dem Rechnerhirn
nicht gewachsen fühlt, denn dann kann "er" leicht die Macht übernehmen.
Außerdem gibt es "(...) Gefahren, die davon ausgehen, daß man
sich vor dem Phänomen Computer verriegelt, daß man den Apparat
verteufelt, weil man sich ihm nicht gewachsen fühlt, daß man vor
dem durch ihn gesteigerten Rationalitätsprinzip in Irrationalismus
und Voluntarismus flieht."[50]
Es ist wichtig, im Bewußtsein zu haben, daß man es mit einer von
Menschen gemachten Maschine zu tun hat. Entscheidungen dürfen
nicht aus Angst vor Verantwortung auf die Autorität des Sachverhalts
geschoben werden. "Dies entspricht der menschlichen Neigung, aus
dem Denken in das Wissen zu fliehen (...). Nichts ist uns so verhaßt
wie Verantwortung."[51]
Da die nachfolgenden Generationen diejenigen sind, in deren Leben
der Computer eine voraussichtlich noch größere Rolle und Alltäglichkeit
einnehmen wird, scheint es in pädagogischer Hinsicht sinnvoll,
sich einiger Dinge bewußt zu werden. Unter der Überschrift "Pädagogik
ist Handeln. Was also ist zu tun?" gibt von Hentig einige Möglichkeiten
an, um sich der Macht des Computers nicht zu beugen: So sollte
der Mensch den Computer nach seinen Zwecken und seinem Willen
nutzen und ihn in "(...) streng dienstbarer Funktion heranziehen:
keine Übungen um des Computers willen (so wie man einst die Grammatik
um der Grammatik willen geübt hat)"[52]. Hier spricht von Hentig die Nutzbarkeit des Computers an.
Genauso wichtig ist die Distanz dazu: Es gilt, die eigene menschliche
Fähigkeit des Zweifelns zu erhalten angesichts der "Überwältigung
durch den Vorrat an Wißbarem" und der technischen Lösbarkeit von
komplexen Problemen.
In der Kindheit sollte der Raum der unmittelbaren und natürlichen
Erfahrungen möglichst lange erhalten bleiben. "Es geht um die
Lust an der sinnlichen Wahrnehmung, an der Entfaltung der Einbildungskraft,
an der Erprobung des Willens und seiner Grenzen (...). Dies wiederum
heißt: mit der vieldeutigen Wirklichkeit lange vorlieb nehmen,
keinen Verzicht auf die zweideutige Frage und das vieldeutige
Erlebnis leisten, sich dieser sokratischen Schwierigkeit auch
sokratisch stellen."[53]
Literaturverzeichnis:
Platon: Phaidros. In: Platon: Sämtliche Dialoge. Hamburg 1993. Bd.2
Zu Platon:
- Ferber, Rafael: Die Unwissenheit des Philosophen oder Warum hat Plato die "ungeschriebene
Lehre" nicht geschrieben? Zürich 1991
- Szlezák, Thomas Alexander: Platon und die Schriftlichkeit der Philosophie. Berlin 1985
Aktuelle Medienkritik:
Zur Literalität:
- Ong, Walter: Oralität und Literalität. Opladen 1987
Zu Neuen Medien:
- Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie (OBST): Neue Medien. Hannover,
April 1995
Darin:
- Schanze, Helmut: Die Wiederkehr des Buchs. Zur Metaphorik der Digitalmedien.
S.53
- Schmitz, Ulrich: Neue Medien und Gegenwartssprache. Lagebericht und Problemskizze.
S.7
- Wir sprechen anders. Warum Computer nicht sprechen können. Hg.:
Gauger, Hans-Martin/ Heckmann, Herbert. Frankfurt/M. 1988
Darin:
- Hentig, Hartmut von: Das Ende des Gesprächs? S.81
- Pörksen, Uwe: Die Mathematisierung der Umgangssprache. S.55
- Schlieben-Lange, Birgit: Die Folgen der Schriftlichkeit. S.13
- [1] Schmitz, Ulrich: Neue Medien und Gegenwartssprache. Lagebericht
und Problemskizze. In: Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie
(Hg.: Schmitz, Ulrich). Osnabrück 1995. S.8
- [2] Vgl. Ders., S.9
- [3] Szlezák, Thomas A.: Platon und die Schriftlichkeit der Philosophie.
Berlin 1985. S.6
- [4] Ders., S.8
- [5] Platon: Phaidros. In: Sämtliche Dialoge. Hamburg 1993. Bd.
2, S.103
- [6] Szlezák, S.9
- [7] Ders., S.11
- [8] Platon, S.97
- [9] Ferber, Rafael: Die Unwissenheit des Philosophen oder Warum
hat Plato die `ungeschriebene Lehre' nicht geschrieben? Zürich
1991. S.23
- [10] Platon, S.104
- [11] Szlezák, S.17
- [12] Ders., S.11
- [13] Wortlaut nach Aristoteles, vgl. Szlezák, S.VI
- [14] Szlezák, S.21
- [15] Ders., S.22
- [16] Ebd.
- [17] Ong, Walter: Oralität und Literalität. Opladen 1987. S.84
- [18] Ders., S.81
- [19] Ders., S.83
- [20] Schmitz, S.11
- [21] Ong, S.85
- [22] Ebd.
- [23] Wir sprechen anders. Warum Computer nicht sprechen können.
Hg.: Gauger, Hans-Martin/ Heckmann, Herbert. Frankfurt/ M.1988
- [24] Pörksen, Uwe: Die Mathematisierung der Umgangssprache. In:
Wir sprechen anders... S.55
- [25] Ders., S.56
- [26] Ders., S.60
- [27] Ders., S.62
- [28] Ders., S.63
- [29] Hentig, Hartmut von: Das Ende des Gesprächs? In: Wir sprechen
anders...S.88
- [30] Ders., S.89
- [31] Ders., S.86
- [32] Schlieben- Lange, Birgit: Die Folgen der Schriftlichkeit.
In: Wir sprechen anders... S.13
- [33] Dies., S.16
- [34] Dies., S.19
- [35] Dies., S.15
- [36] Dies., S.14
- [37] Schmitz, S.21
- [38] Ders., S.33
- [39] Schlieben-Lange, S.17
- [40] Schanze, Helmut: Die Wiederkehr des Buchs. Zur Metaphorik
der Digitalmedien. In: OBST...S.57
- [41] Schmitz, S.33
- [42] Vgl. Ders., S.9
- [43] Vgl. ebd.
- [44] Ong, S. 81
- [45] Schmitz, S.33
- [46] Vgl. Barthes, Roland: Mythen des Alltags. Frankfurt/ M. 1964
- [47] Ders., S.115
- [48] Schmitz, S.21
- [49] Ders., S.8
- [50] von Hentig, S.93
- [51] Ebd.
- [52] Ders., S.99
- [53] Ebd.
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