Hirsch, Alfred (Hg.):

Übersetzung und Dekonstruktion.

Suhrkamp 1997.

Rezension von Torsten Pflugmacher

 

Fremdheit an Bleistift:

Daß die Wörter der verschiedenen Sprachen untereinander nicht per Du sind, wissen wir nicht zuletzt seit Saussures Grundlegung der modernen Sprachwissenschaft. Dort illustriert der Genfer Linguist anhand eines Übersetzungsproblems sein Konzept -die differentielle Wertigkeit aller sprachlichen Zeichen innerhalb eines Bedeutungssystems-, mit dem er die alte Vorstellung ablöst, Zeichen seien den einzelnen Gegenständen zugeordnete positive Einheiten: Denn wo im Französischen "mouton" der Bezeichnung des Schafs dient, gibt es im Englischen keine direkte Entsprechung, da die Engländer "sheep" zum lebenden, "mutton" zum für den Tisch zubereiteten Schaf sagen. Die englischen Ausdrücke haben einen anderen Wert, decken ein anderes Bedeutungsfeld ab als die 'einsame' französische Bezeichnung für das Schaf.

1937, zwanzig Jahre später, unterstreicht Ortega y Gasset in seinem Essay "Glanz und Elend der Übersetzung", daß ein Deutscher, wenn er "Wald" sagt, etwas ganz anderes damit bedeutet, als der Spanier bei der Lektüre einer wörterbuchgetreuen Übersetzung aus dem Wort "bosque" herauszulesen vermag. Das Wörterbuch setzt aber beide Ausdrücke als gleichbedeutend.

Im gleichen Aufsatz entwickelt Ortega y Gasset zudem geradezu hellseherische Fähigkeiten, als er voraussehend feststellt: "Die Behauptung, Sprechen sei ein illusorisches Unterfangen, ein utopisches Unternehmen, sieht ganz nach einem Paradoxon aus, und ein Paradoxon ist immer aufreizend. Ganz besonders für Franzosen."

Denn unter diesem Volk gibt es einen gewissen Jacques Derrida, der, an Saussures Differenzkonzept orientiert, Mitte der sechziger Jahre eine neue Methode zur Beurteilung von Texten entwickelt. Das Neue daran ist, daß darauf verzichtet wird, ein externes Normensystem an den Text zum Vergleich oder zur Bewertung heranzutragen. Vielmehr wird angestrebt, den Text bei seinem eigenen Wort zu nehmen, um in dem intensiven Nachvollzug seines argumentativen Aufbaus die Widersprüchlichkeit des vom Text verwendeten oder aufgebauten Begriffssystems herauszuarbeiten. Meist gilt das Augenmerk den impliziten Oppositionen oder Grenzziehungen innerhalb des Textes, die von seiner eigenen Logik, wenn man sie weiterverfolgt, unterlaufen werden und ein Paradoxon darstellen. Dieses Verfahren nennt Derrida Dekonstruktion.

Wieder faßt Ortega y Gasset zukünftige Theorie im voraus zusammen, wenn er in dem erwähnten Aufsatz proklamiert: "Die Übersetzung ist tot! Es lebe die Übersetzung!" Genau diese Art optimistischen Widerspruchs wurde zum Leitparadoxon der Dekonstruktivisten, die sich -erwar-tungsgemäß, da Saussures Sprachtheorie einen grundlegenden Bezugspunkt für ihren Verstehensbegriff darstellte - der Übersetzungsproblematik näherten. Das Paradoxon steht nunmehr am Anfang aller weiteren Überlegungen, in denen zu begründen versucht wird, warum dieser Widerspruch ausgehalten werden muß, genauer: warum die unmögliche Übersetzung möglich ist.

Knapp ein Dutzend solcher sowohl intensive Vorkenntnisse als auch die Bereitschaft zu intensiver Lektüre verlangenden Versuche sind nun in einem von Alfred Hirsch herausgegebenen Buch unter dem Titel "Übersetzung und Dekonstruktion" erschienen. Enthalten sind - nach einer recht spärlich ausgefallenen Einleitung des Herausgebers- die zentralen Aufsätze zur dekonstruktivistischen Übersetzungstheorie aus den 80er Jahren, unter anderem von Jacques Derrida und Paul de Man, die andere Hälfte der versammelten Texte erscheint hier erstmalig.

Überraschend ist, welche Ausdehnung der Übersetzungsbegriff bei den Autoren erfährt. Zum Beispiel ist es Paul de Man, der in einem Vortrag über Walter Benjamins "Die Aufgabe des Übersetzers" die Ähnlichkeit von Dekonstruktion und Übersetzung festhält: "das Original wird entstellt, das Original wird auf den Status von Prosa reduziert, wird dekanonisiert, alles durch den Übersetzungsvorgang, denn die Unmöglichkeit des Übersetzens beruht auf Brüchen, die im Original vorhanden sind, die zu verbergen dem Original jedoch gelungen ist- auf dieselbe Weise, in der es Benjamin gelingt, [...] jedem, der den Text liest, beispielsweise die Unangemessenheit jedweden Symbols zu verbergen, in bezug auf das, was es bedeutet, indem er Symbole benutzt, die besonders überzeugend sind, die besonders verführerisch sind, [...], aber auf ziemlich perverse Art zerstören sie den Anspruch, der mit ihnen verknüpft ist."

Zusammen mit Derrida - und in den Fußstapfen von Benjamin selbst- vertritt Carol Jacobs in ihrer Untersuchung der von de Man benannten benjaminischen Sprachbilder die Auffassung, daß die Funktion von Übersetzung die Verfremdung der Wörter aus der eigenen Sprache sei und Benjamins Aufsatz aus diesem Grund einen Übersetzungsakt vorführe, weil er die für seine Übersetzungsdefinition verwendeten Begriffe systematisch verschiebe.

In seinem einleitenden Beitrag "Theologie der Übersetzung" bemüht sich Derrida, die "Supplementarität in der Übersetzung" als Entwicklung, Vollendung der Offenbarung Gottes darzustellen. Dabei reißt er in Anlehnung an Schelling die Grenzen ein, die Kant in seinem Aufsatz "Der Streit der Fakultäten" zwischen den weltlich abhängigen Fakultäten und der unabhängigen, dafür aber untergeordneten philosophischen Fakultät setzt. Diese Trennung sei eine Übersetzung von Kants 'Kritik', die den Gegensatz von Sinnlichkeit und Vernunft aufbaue. Da sie aber einen gemeinsamen Ursprung haben, seien diese Ordnungen, zum Beispiel Mathematik und Philosophie, Philosophie und Kunst, Wissen und Handeln, Staat und Universität, als Übersetzungen des Ursprungs auch ineinander übersetzbar.

Paradox erscheint sodann, daß Schellings Begriff der "In-Eins-Bildung", der als "Wesen [...] des Urwissens" Übersetzung im Allgemeinen fordert, selbst unübersetzbar bleibt, weil hier von der besonderen Sprache, in der er gedacht worden ist, eine Grenze gesetzt wird. Schellings Folgerung: jede reale, endliche Philosophie ist an ihre Form gebunden und damit zugleich Poesie.

Der sprachphilosophisch nicht so versierte Leser ist jeder 'offenen' Gedankenführung dankbar, auch wenn Benjamin diesen Mangel an Verfremdung scharf kritisiert hätte. Dem machen sich insbesondere Hans-Jost Frey und der bereits erwähnte Paul de Man verdient. Ersterer legt uns einen Beitrag zur "Übersetzung und Sprachtheorie bei Humboldt" vor, an dem sich auch die dekonstruktivistische Arbeit am Text relativ leicht nachvollziehen läßt. Frey nimmt sich Humboldts Wolkenbilder vor, die diesem zur Illustration der Begriffsanbildung (Ver-dichtung) im Wort dienen. Er weist nach, daß Humboldts Metaphern widersprüchlich wirken, aber genau in dieser Verschiebung der eigenen Bedeutung das Gemeinte darzustellen vermögen. "Der Vergleich widerspricht sich selbst, indem er das, was er leistet, zugleich verfehlt. Beiden Vergleichen ist ein Vorbehalt gegen sich selbst mitgegeben, der davor warnt, das, was sie vorführen, unbesehen anzunehmen." Hier klingt Benjamin an, genauer gesagt seine Privilegierung der "Art des Meinens" vor allem Inhalt einer Aussage, und zudem die Dekonstruktion, welche die Produktivität solcher Widersprüche zwischen Form und Aussage herausarbeitet.

Humboldt scheidet allerdings nicht die "Art des Meinens" vom "Gemeinten", vielmehr unterscheidet er zwischen dem Zeichen, welches Kommunikationsfunktion hat, und dem Wort, welches der Begriffsanbildung dient, die nur im einzelnen Wort stattfinden kann. Das Paradoxon besteht hierbei darin, daß sich Zeichen und Wort nicht voneinander trennen lassen. Das Zeichen allein ist übersetzbar, das Wort als Ort des Begriffs nicht: schon der Klang der Laute habe über Ähnlichkeitsbeziehungen mit anderen Wörtern der gleichen Sprache Einfluß auf die Begriffsbildung. Es gehört somit zum Wesen des Begriffs, daß der vom Verstand an ihn herangetragene Wunsch, klar (zeichenhaft) zu sein, von ihm selbst unterlaufen wird.

Kunst und Phantasie erfahren in ihrem Zusammenhang mit der Begriffsbildung bei Humboldt eine wesentliche Aufwertung. Dieser Vergleich wird allerdings sofort wieder eingeschränkt, da Kunst im Gegensatz zur Sprache auf eine zeichenhafte Funktion verzichten muß. Das paradoxe Wesen von Sprache, auch einer Sprache, ist daher dadurch bestimmt, daß sie durch den Doppelcharakter des Individuellen und Allgemeinen, als Begriffs- und Kommunikationsagent, Übersetzung zugleich erfordert wie erst ermöglicht. Die Unmöglichkeit aber von äquivalenter Übersetzung - die immer nur das arbiträre Zeichen betreffen kann - ist zugleich Bedingung der Möglichkeit kreativer Sprachentwicklung als Auseinandersetzung mit dem Fremden.

Derart kreativ wird Thomas Schestag in seinem längeren Aufsatz "Sem", der klassische Probleme der dekonstruktivistischen Philosophie (z.B. die Unmöglichkeit von Metasprache) sowie der Übersetzungs-theorie aufgreift und dabei eine eigentümliche Sprache entwickelt. Schon seine umfangreiche und ungewöhnliche Kommasetzung wirkt wie eine Lesebremse. Am ehesten ließe sich vielleicht Heidegger anführen, um die sprachliche Form zu charakterisieren. In Unterschied zu diesem verdichtet Schestag jedoch nicht semantisch-etymologische Ähnlichkeiten innerhalb einzelner Begriffe, womit Heidegger seine Argumentation zusammenzieht, sondern er beläßt die semantischen Felder roh, locker über die Syntax seiner monströsen Sätze verteilt, mit einem pausenlosen Vergnügen daran, Gegensätze und Widersprüche aufzubauen, wo man keine erwartet, oder bekannte einzureißen, wo man ihnen vertrauen mag.

An einer Stelle, an der er Luthers Verdeut(sch)lichung des Bibeltextes kritisiert, da dieser meint, mit seiner Übersetzung den sprachlichen "Acker gereinigt" zu haben, wird Schestags Poetik der Übersetzung und die seines eigenen Textes zugleich deutlich: "Der zugerichtete Acker täuscht. Wer ihn durchläuft, gleitet fast über Eis. Er täuscht - zuvorkommend, gefügig - die Augen, die abgerichteten, die durch die drei vier Blätter ohne anzustoßen gehn, weil sie blind für den Ursprung, an dem jedes Wort, das sie durchlaufen, trägt, blind für die Herkunft des Gereinigten bleiben. Zu bleiben suchen. Nur wo sie Anstoß nehmen, stocken, jedes Wort zum scrupulus - Klotz oder Wacken - verunhandlicht, den Weg, den es bahnt, verlegt, nur wo die Augen innehalten, innehaltend aber aufbrechen, am Ort, brechen Grund und Boden - solum - zum Untergrund: im Testament, die 'meinung des text' an." Schestags Text ist solch ein "Klotz oder Wacken", auf dem der Leser gratwandeln muß zwischen dem Gefühl frustrierender Ausgeschlossenheit und intensivem Verstehenserlebnis.

Diese Aufsätze, die Benjamins Poetik des Übersetzens anwenden bzw. zum Gegenstand haben, fügen dessen Thesen überraschend wenig hinzu. Bemerkenswert ist aber, wie sie alle die Funktion der scheinbaren Widersprüchlichkeit im Verhältnis von Aussage und ihrer Darstellung herausarbeiten, sei es bei Benjamin selbst (Jacobs, de Man, Derrida), im Babelmythos (Derrida), im Gleichnis vom Sämann (Schestag) oder Humboldts Wolkenbildern (Frey).

Die Aufsätze aus der zweiten Hälfte des Sammelbandes entfernen sich von Benjamins "Die Aufgabe des Übersetzers" als Bezugstext. Um die Verhältnisse von "Psyche und Logos", von "Differenz und Alterität" herauszuarbeiten, dient in erster Linie Heidegger als Bezugsgröße. Nach einem bisweilen schwer verständlichen, da ohne Vorbehalte psychoanalytische Terminologie verwendenden Aufsatz Andrew Benjamins, der aus psychoanalytischer Sicht Heideggers Ursprungsbegriff dekonstruieren will, folgt der überaus hervorhebenswerte Beitrag von Hans -Dieter Gondek. Dieser bemüht sich um eine Darstellung von Heideggers gegen eine Vorstellung von Sprache als Zeichensystem gerichtetes Übersetzungsdenken. Er spürt dann in einem zweiten Schritt der 'gewalttätig' anmutenden Heideggerischen Übersetzung von Heraklit in dessen Logos-Aufsatz nach und zeigt drittens, mit welchem Aufwand es Lacan gelingt, Heideggers 'Art des Meinens' in der Übersetzung des besagten Aufsatzes im Französischen zu imitieren bzw. von seiner eigenen Warte aus verändert zu übertragen.

Auch bei Ludger Heidbrink geht es um Heideggers hörendes Übersetzen in den griechischen Ursprungstext, den Sprung über die abendländischen Auslegungstraditionen und Wörterbücher hinweg. Dabei wirft er Heidegger vor, das Fremde nur als Möglichkeit zur Offenbarung des verstellten Eigenen zu betrachten und damit auf die Möglichkeit zu verzichten, sich auf das Fremde um des Fremden willen einzulassen.

Dies gerät zu einer ethischen Frage der Übersetzung, die Alfred Hirsch in seinem abschließenden Aufsatz behandelt. In keiner anderen Tradition sprach- und textorientierter Theorie sei ein solches Maß an normativer Moral vorhanden. Die Ethik der Übersetzung fängt zumeist mit der Forderung nach 'Treue und Freiheit' an und hört alsdann schon wieder auf. In Anlehnung an die Sprachphilosophie von Levinas, bisweilen in produktivem Kontrast mit Derrida und Benjamin, bemüht sich Hirsch um ein sprachethisches Fundament der Übersetzung, das, der Leser wird es sich nunmehr denken können, die Treue im Nachvollzug der "Spannungsverhältnisse" zwischen den Sprachen verankert

 

Torsten Pflugmacher (März 1997)