Kieren, Thorsten:

Stille Grandiosität : die blockierte Zeitlichkeit des Ressentiments

Duisburg-Essen (2004), 180 Bl.
Dissertation / Fach: Allgemeines, Sonstiges
Fakultät für Geisteswissenschaften
Dissertation
Abstract:
Im Rahmen der aktuellen objektbeziehungstheoretischen Diskussion dokumentiert die vorliegende Untersuchung die Dichotomie zwischen ?Traumakorrektur? und ?Traumaprotektion? im fiktionalen Werk des mexikanischen Autors Carlos Fuentes. Die Dissertation verfolgt das Ziel, die literarische Eigengesetzlichkeit der Texte und die Komplexität ihrer Motivation psychoanalytisch zu eröffnen. Dabei erweist sich die hinsichtlich der Gewichtung zwischen Psychoanalyse und Literaturwissenschaft innovative und auf neuere analytische Erkenntnisse kleinianischer Prägung zurückgreifende Fragestellung für ein erweitertes Verständnis kreativer Prozesse und literarischer Kreativität als gewinnbringend. Gegenüber den jüngst auf das Werk des mexikanischen Autors applizierten Theorien der ?Alterität? und ?Differenz? verfolgt die vorliegende Abhandlung den Ansatz, dass die fiktionalen Werke von Fuentes ihre eigene Genese und die ihres Autors reflektieren. Der affirmative Ansatz der von Melanie Klein und Wilfried Bion begründeten Objektbeziehungstheorie erweist sich bei dieser Fragestellung anderen psychoanalytischen Theorien alleine schon durch die Darbietung der Engführung von destruktivem Narzissmus und Kreativität als überlegen. Der Ansatz erlaubt es ferner, die Position der Marginalität und die des privilegierten Opfers auf die psychodynamische Disposition einer narzisstischen Aggressivität zu beziehen. Im Gegensatz zu bestehenden Theorien der ?Traumaverarbeitung? wird in der Untersuchung der konträre Standpunkt vertreten, dass Traumata als narzisstische Persönlichkeitsorganisation dauerhaft die Objektbeziehungen strukturieren. Die Einbindung in eine Objektbeziehung, insbesondere zu einem Kunstobjekt, ist daher als Versuch zu werten, das Trauma nicht nur zu repräsentieren, sondern es zu personifizieren und damit angreifbar zu machen. Der kreative Prozess ist demzufolge als eine Form der Traumaverarbeitung konzeptualisierbar, die darauf abzielt, den Strukturzusammenhang psychischer Repräsentation zu schließen. Inspiriert von Bions Annahme, dass die Persönlichkeit über psychotische und nicht-psychotische Funktionsniveaus verfügt, wird die Entstehung von Kreativität als einem Spannungsfeld zwischen ?Traumakorrektur? und ?Traumaprotektion? entstammend begriffen, das in jedem Kunstwerk neu aktualisiert wird, in jedem Kunstwerk neu ausbalanciert werden muss. Im Rahmen der Untersuchung wird dargelegt, dass diese ?Todesprobe?, wie es in Una familia lejana heißt, fortwährend aktualisiert, überarbeitet und neu bestanden werden muss. Das Spannungsfeld als Bewahrung des traumatischen Nukleus bleibt intrapsychisch latent und bildet als sprachlich geschützter und idiosynkratischer Raum eine wesentliche Bedingung literarischen Schaffens.