Chen, Lai:

Die Kultur des Volkskonfuzianismus : eine Untersuchung der Literatur zur kindlichen Erziehung (Meng xue) ; (zugleich eine Auseinandersetzung mit Max Weber)

Duisburg: Inst. für Ostasienwiss. (1995) (Duisburger Arbeitspapiere Ostasienwissenschaften ; 5), 56 S.
Buch / Monographie / Fach: Ostasienwissenschaften
Abstract:
Es gibt zwei Richtungen bei der Erforschung des Wertesystems der chinesischen Kultur: Entweder wir untersuchen das ideale Wertsystem, das in den wenigen klassischen Schriften einer Minderheit von Weisen und Heiligen aufgezeichnet worden ist, oder wir betonen mit Nachdruck die tatsächlichen Werteinstellungen, die im Leben des Volkes und in seinem alltäglichen Verhalten zum Tragen kommen. Was die Geschichtswissenschaft betrifft, so lassen sich die letzteren kaum wahrheitsgetreu rekonstruieren. Gleichwohl liegt der Schwerpunkt dieser Studie nicht bei den Werten des klassischen Systems, sondern bei der Frage, wie diese idealen Werte durch eine Anpassung an und Harmonisierung mit dem alltäglichen Leben in tatsächlich normbildende Werte dieses Alltagslebens transformiert wurden, wie also aus einem theoretischen Wertesystem eine reale gesellschaftliche Norm wurde.

In dieser Untersuchung wird davon ausgegangen, daß der Volkskonfuzianismus vom Konfuzianismus der Eliten verschieden war, und daß er also nicht über die Werke des konfuzianischen Denkens erfaßbar ist, sondern sich in den vielfältigen Erziehungsschriften der Konfuzianer der mittleren und unteren Schicht ausbildete und Einfluß ausübte. Der Inhalt der Ethik des Volkskonfuzianismus besteht nicht einfach in einer Anerkennung des alltäglichen Lebens, sondern ist eine Synthese aus konfuzianischer Moral, Familismus und individualistischem Utilitarismus. Diese Synthese hat nach der Song-Zeit im Volk große Verbreitung gefunden. Im Vergleich zur Literatur der damaligen Zeit und der verstreuten Sittenliteratur finden sich dort in konzentrierter Form jene Werte, die im alltäglichen Leben eine unmittelbare Funktion ausübten, und die in der vormodernen Zeit ebenso wie während der Modernisierung ein grundlegendes Element der Werteinstellungen des chinesischen Volkes darstellten. Die Erforschung der Erziehungsliteratur der Ming- und Qing-Dynastie besitzt also nicht nur eine wissenschaftliche Bedeutung, sondern bietet auch Hintergründe und Einblicke in das Verständnis der modernen wirtschaftlichen Entwicklung Oastasiens und Chinas.

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