Grewe, P.; Labudda, Kirsten; Horstmann, Simone; Aengenendt, Jörg; Wörmann, Friedrich G.; Markowitsch, Hans J.; Brand, Matthias:

Risiko-Entscheidungsverhalten bei Patienten mit Frontallappenepilepsie

In: Beiträge zur 50. Tagung Experimentell Arbeitender Psychologen : 3. bis 5. März 2008 in Marburg / Khader, Patrick (Hrsg.)
Lengerich [u.a.]: Pabst Science Publ. (2008), S. 239
ISBN: 978-3-89967-457-6
Buchaufsatz / Kapitel / Fach: Angewandte Kognitionswissenschaften
Fakultät für Ingenieurwissenschaften » Informatik und Angewandte Kognitionswissenschaft
Abstract:
Fragestellung: Patienten mit Schädigungen und Dysfunktionen des Frontallappens weisen Defizite beim Treffen von Entscheidungen in Ambiguitätssituationen auf, in denen die der Entscheidungssituation zugrunde liegenden Kontingenzen erst durch die Verarbeitung emotionalen Feedbacks erschlossen werden müssen. Das Entscheidungsverhalten unter Risikobedingungen, in denen explizites Wissen über Konsequenzen und deren Wahrscheinlichkeiten vorliegt, hängt neben der Verarbeitung emotionalen Feedbacks zusätzlich mit stirnhirnassoziierten exekutiven Funktionen zusammen. Bislang wurde allerdings noch nicht untersucht, inwieweit Patienten mit Frontallappenepilepsie (FLE), die strukturelle und/oder funktionelle Änderungen im Bereich des Stirnhirns aufweisen, Beeinträchtigungen bei Entscheidungsprozessen sowohl unter Ambiguitäts- als auch unter Risikobedingungen zeigen. Dies ist Gegenstand der vorliegenden Studie.

Methoden: Bislang wurden neun Patienten mit pharmakoresistenter FLE und acht hirngesunde Kontrollprobanden (KG) mit einer Aufgabe zur Erfassung von Ambiguitätsentscheidungen (Iowa Gambling Task, IGT), einer Aufgabe zur Erfassung von Risikoentscheidungen (Game of Dice Task, GDT) und mit einer neuropsychologischen Testbatterie untersucht.

Ergebnisse: In der IGT wählten die Patienten im Vergleich zur KG signifikant häufiger die unvorteilhaften Alternativen (p=.01). Auch in der GDT zeigten die Patienten im Vergleich zur KG eine Präferenz für die riskanten Alternativen (p=.05). Die Anzahl unvorteilhafter Entscheidungen in der GDT korrelierte mit exekutiven Leistungen, wie set-shifting, Kategorisierung und kognitive Flexibilität (r=-.67, p=.05) und mit Perseverationstendenzen (r=.76, p=.02). Die Leistungen in der IGT korrelierten hingegen nicht mit exekutiven Funktionen (jeweils p>.06). Zwischen den Leistungen in der IGT und der GDT fand sich kein Zusammenhang (p=.37).

Schlussfolgerungen: Die Ergebnisse demonstrieren, dass Patienten mit FLE Defizite beim Entscheidungsverhalten unter Ambiguitätsbedingungen - das vorrangig auf der Verarbeitung emotionalen Feedbacks basiert - haben können. Zudem weisen Patienten mit FLE ein unvorteilhaftes Risikoentscheidungsverhalten auf, welches mit exekutiven Leistungen zusammenhängt. Dieses Ergebnis bestätigt die Annahme, dass exekutive Funktionen insbesondere dann bedeutsam für das Entscheidungsverhalten sind, wenn explizite Informationen über Konsequenzen und deren Wahrscheinlichkeiten genutzt werden können.

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