Memoria zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Überlegungen zum spätmittelalterlichen Memorialwesen im Frauenstift Thorn

In: Rhein-Maas : Studien zur Geschichte, Sprache und Kultur, Jg. 3 (2012), S. 35-49
ISSN: 1869-4071
Zeitschriftenaufsatz / Fach: Geschichte
Fakultät für Geisteswissenschaften » Historisches Institut
Abstract:
Die Stiftungen für das Seelenheil sind Ausdruck des gesamtgesellschaftlichen Phänomens mittelalterlicher „Memoria“. Sie bezeugen in einzigartiger Weise das Ziel der Menschen, im Diesseits wie im Jenseits nicht vergessen zu werden.
Erst vor wenigen Jahren ist in den Geschichtswissenschaften darüber hinaus die Erkenntnis erwachsen, dass diese Stiftungen pro remedio anime nicht nur ausgezeichnete Indikatoren für die soziale Umgebung, die religiösen und ethischen Haltungen, die rechtlichen Normen und die wirtschaftlichen Substrate ihrer Entstehungszeit darstellen, sondern zugleich deren Wandlungen im Laufe der Zeiten reflektieren. Von zentraler Bedeutung ist dabei das Spannungsverhältnis zwischen dem erklärten Willen des Stifters, dem Stiftungsauftrag, und dessen zeitgenössischer Aktualisierung.
Die Diskrepanz zwischen Stiftungsauftrag und Stiftungserfüllung – zwischen Wunsch und Wirklichkeit – lässt sich am Beispiel des Thorner Kanonikers Tilman van Weert plastisch nachvollziehen. Die Bestimmungen seines Testaments und die von ihm getätigte Pfründenstiftung ermöglichen einen tiefen Einblick in die Gedanken- und Vorstellungswelten einer ländlichen Elite in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts ebenso wie in die Wandlungen des Memorial- und Stiftungswesens in den folgenden Jahrhunderten.