Prototypische Routinen von Lehrkräften im Umgang mit Unterrichtseinstiegen, Experimenten und Schülervorstellungen im Biologieunterricht

Duisburg, Essen (2009), 248 S.
Dissertation / Fach: Biologie
Fakultät für Biologie » Didaktik der Biologie
Duisburg, Essen, Univ., Diss., 2010
Abstract:
Aus- und Weiterbildungen von Lehrkräften sollten u. a. zum Ziel haben, inhaltsspezifische Lehr- und Lernprozesse theoriebasiert zu reflektieren und darauf aufbauend die Handlungskompetenz für die Gestaltung von Unterricht zu erweitern (Staub, 2005). Diese Ziele werden bei fachspezifisch-pädagogischen Coachings (Staub, 2001) oder auch bei der videobasierten Unterrichtsreflexion verfolgt. Allerdings geht die Erweiterung der Handlungskompetenz mit der Veränderung handlungsleitender Kognitionen einher, die sehr stabil gelten und nur schwer veränderbar. Um handlungsleitende Kognitionen von Lehrkräften zu verändern, reicht es in aller Regel nicht aus, sie mit Ergebnissen aus der pädagogischen Forschung zu konfrontieren (Eckerle & Kraak, 1993). Vielmehr ist für eine dauerhafte Veränderung handlungsleitender Kognitionen notwendig, dass Lehrkräfte ihr eigenes Handeln im Unterricht reflektieren (Wood et al., 1991; Prawat, 1992). Es ist daher notwendig alternative Wege zu finden, um Lehrkräfte zur Reflexion des eigenen Unterrichts zu bewegen. Dazu existieren vielfältige, zumeist videobasierte, Ansätze. Das im Rahmen dieser Studie entwickelte CD-ROM gestützte Programm PRoBiL soll diese Funktion im Rahmen von Lehreraus- und -fortbildung übernehmen.

Im Zentrum dieser Arbeit stand die Entwicklung des CD-ROM gestützten Computerprogramms PRoBiL zur Reflexion individueller prototypischer Routinen von Biologielehrkräften. Dazu mussten zunächst stabile prototypische Routinen von Biologielehrkräften identifiziert, unterschieden und beschrieben werden. In insgesamt vier Teilstudien wurde zu diesem Zweck ein Testinstrument entwickelt, welches die empirische Unterscheidung der Biologielehrkräfte der Stichprobe in zwei Gruppen mittels prototypischer Routinen zuließ. Eine Gruppe von Lehrkräften kann einem Muster prototypischer Routinen zugeordnet werden, welches als problemorientierte Routine bezeichnet wird, die andere Gruppe einem Muster, welches als informierende Routine bezeichnet wird. Biologielehrkräfte, die der problemorientierten Routine zugeordnet werden, zeichnen sich in Unterrichtseinstiegssituationen unabhängig vom Inhalt durch ihre starke Betonung der Problemorientierung bzw. der Verwendung eines kognitiven Konflikts aus. Außerdem scheint es typisch für diese Biologielehrkräfte zu sein, dass sie auf fachlich falsche Schülervorstellungen z. B. durch Verwendung eines kognitiven Konflikts reagieren. Beim Experimentieren im Unterricht lassen sie ihren Schülern viele Freiheiten, das Experiment bzw. den gesamten naturwissenschaftlichen Erkenntnisweg mitzugestalten. Biologielehrkräfte, die der informierenden Routine zugeordnet werden, bevorzugen es beim Unterrichtseinstieg die Schüler über die Inhalte und Ziele der folgenden Unterrichtsstunde zu informieren oder einen handlungsorientierten Unterrichtseinstieg zu wählen. Stellen Sie während des Unterrichts eine fachlich falsche Schülervorstellung fest, neigen sie dazu bereits besprochene Unterrichtsinhalte selbst zu wiederholen oder von Mitschülern wiederholen zu lassen. Bei der Durchführung von Experimenten im Unterricht geben sie Schülern bevorzugt Experimentieranleitungen aus Schulbüchern oder anderen Unterrichtsmaterialien.

Die ermittelten prototypischen Routinen wurden in kurze Videosequenzen überführt, die prototypisches Handeln von Biologielehrkräften bei Unterrichtseinstiegen, im Umgang mit Experimenten und Schülervorstellungen zeigen. Die Videosequenzen, die anschließend in PRoBiL integriert wurden, sollen Biologielehrkräften in der Lehreraus- und -weiterbildung als Reflexionsanlass des eigenen Handelns und Unterstützung dienen, das eigene Handeln zielgerichtet zu hinterfragen.

Das Programm PRoBiL soll Lehrkräfte in Reflexionsprozessen über individuelle prototypische Routinen unterstützen, um so auch die Tiefenstruktur ihres Unterrichts zu hinterfragen und ggf. zu verändern. Das Bewusstmachen der eigenen prototypischen Routinen und das Kennenlernen prototypischen Routinen anderer Lehrkräfte kann im Rahmen von geeigneten Lehrerfortbildungskonzepten dazu genutzt werden, das Repertoire an Handlungsalternativen in fachspezifischen Kontexten zu erhöhen. Lässt man Lehrkräfte ohne besonderen Arbeitsauftrag Unterricht beobachten, beschränken sich ihre Kommentare oft eine Beschreibung des Gesehenen (van Es & Sherin, 2002). Zumeist sind dies Beobachtungen des Verhaltens und der Inhalte der auf der Ebene der Sichtstruktur (Sherin & Han, 2004). Dies bedeutet auch, dass, wie Ergebnisse dieser Studien belegen, dass Lehrkräfte, die Unterricht ohne Anleitungen beobachten selten Bezüge zu ihren subjektiv theoretischen Wissensbeständen herstellen.
Die Ermittlung verschiedene Muster prototypischen Handelns bei Lehrkräften mittels PRoBiL, könnte im Rahmen von Lehrerfortbildungen dazu genutzt werden, individueller auf die Bedürfnisse der teilnehmenden Lehrkräfte einzugehen.

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