Kartenlesekompetenz. Ein Beitrag zum konstruktivistischen Geographieunterricht

Wien: Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien (2009) (Materialien zur Didaktik der Geographie- und Wirtschaftskunde ; 22), 174 S.
ISBN: 978-3-900830-68-7
Buch / Monographie / Fach: Geowissenschaften
Fakultät für Geisteswissenschaften » Institut für Geografie » Didaktik der Geographie
Abstract:
Karten sind als „Leitmedium“ des Geographieunterrichts ein beliebtes Arbeitsmittel. Sie bei der schulischen Kartenarbeit jedoch lediglich als Informationsspeicher zu betrachten, bedeutet, die Vielschichtigkeit dieses Mediums zu unterschätzen. Karten sind vielmehr auch – gemäß dem Paradigma des Konstruktivismus – subjektive Konstruktionen: Sie können sowohl in Hinblick auf die Begrenztheit der menschlichen Wahrnehmung als auch in Bezug auf die technischen Grenzen der Kartenproduktion kein Abbild der „Wirklichkeit“ sein. Darüber hinaus sollen sie dies oft gar nicht, da sie auch der zielgerichteten Reduktion von Komplexität dienen. Dies impliziert aber zwangsläufig Entscheidungen zur Selektion und zum Verschweigen von Inhalten sowie über spezifische Darstellungsmittel. Diese Entscheidungen sind nicht wertfrei, sondern werden – in hohem Maß auch unbewusst – durch individuelle Weltbilder der Kartenautoren ebenso wie durch gesellschaftliche Kontexte und Diskurse geprägt.

Kartenleser/innen müssen sich dieses konstruierten Charakters von Karten bewusst sein, da andernfalls die Gefahr der unreflektierten Übernahme einseitiger Weltbildkonstruktionen besteht. Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund der umfangreichen Nutzung von Karten in den Massenmedien von Relevanz. Der Geographieunterricht muss daher in Ergänzung zur Informationsentnahme aus Karten eine erweiterte, medienkritische Kartelesekompetenz vermitteln, die zum Enttarnen verborgener Intentionen und Diskurse in Karten – zur sogenannten „Dekonstruktion“ des Mediums – befähigt, um die Bewertung der gegebenen Informationen zu ermöglichen.

Im Hinblick auf Unterrichtsvorschläge in der didaktischen Literatur wird diese Aufgabe bisher kaum realisiert, obgleich eine derartige Kompetenz bereits in den Bildungsstandards der „Deutschen Gesellschaft für Geographie“ (DGfG) Erwähnung findet. Daher möchte der vorliegende Band erste Ansätze zur Vermittlung einer solchen „konstruktivistischen Kartenlesekompetenz“ im Unterricht aufzeigen. Dazu wird ein Bogen von der theoretischen Reflexion der Hintergründe der Karte als Konstrukt hin zu einer didaktisch verdichteten „Werkzeugkiste“ für den Unterricht gespannt. Während im Theorieteil mit Exkursen zu Konstruktivismus, Diskurstheorie und kognitiven Karten, illustriert an anschaulichen Beispielen, eine Legitimationsbasis der „konstruktivistischen Kartenlesekompetenz“ formuliert wird, regt die „Werkzeugkiste“ mit theoretisch fundierten und praktisch nutzbar gemachten Ideen und Anregungen sowie einem ausführlich betrachteten Beispiel zur konkreten Umsetzung im Unterricht bis hin zur eigenen Aufgabenformulierung an.