Bähnisch, Eva:

Parasitierung, Stress und Fremdgehen bei Kohlmeisen (Parus major) in unterschiedlichen Habitaten

Duisburg, Essen (2011), 181 Bl.
Dissertation / Fach: Biologie
Fakultät für Biologie
Duisburg, Essen, Univ., Diss., 2011
Abstract:
Kohlmeisen gehören zu den bekanntesten Wildvögeln in Europa und sind sehr oft Objekt der verschiedensten ökologischen Studien. Bei ihnen sollten in der vorliegenden Arbeit Interaktionen einer Parasitierung und Stress sowie Fremdkopulationen erfasst werden, für die bisher an Labormäusen, Hamstern und Zootieren untersucht worden waren. Da bei verschiedenen Parasiten-Wirt-Systemen das Geschlecht des Wirtes und stressbedingte Faktoren die Entwicklung des Parasiten beeinflussen, wurden von 2007-2009 vier Populationen im Großraum Essen (Bredeneyer Wald, Segeroth-Park, Holsterhausen) sowie im Zoologischen Garten Wuppertal auf einen geschlechts- und lokalitätsspezifischen Unterschied in dem Parasitenbefall hin untersucht.
· Dabei waren in den drei Jahren durchschnittlich fast die Hälfte der angebotenen Brutkästen besetzt. Der Bruterfolg, d.h. der Anteil der ausgeflogenen Nestlinge an der Anzahl der aus dem Ei geschlüpften Nestlinge, nahm von 2007 auf 2008 in allen Lokalitäten zu, und fiel im darauf folgenden Jahr wieder ab. Ein Parasitenbefall mit Plasmodium und Haemoproteus wurde über Blutausstriche nachgewiesen und so quantifiziert. Die Prävalenz war bei den Männchen insgesamt signifikant höher als bei den Weibchen und bei denen wiederum signifikant höher als bei den Nestlingen.
· Beim Vergleich der Lokalitäten waren im Segeroth-Park 10-15 % mehr Kohlmeisen infiziert als in den anderen Lokalitäten und dabei signifikant mehr Männchen außerhalb als während der Brutzeit. Im Jahresverlauf fanden sich Prävalenz-Maxima im Frühjahr und Herbst. Hierbei waren maximal 329 von 2000 Erythrozyten parasitiert, im Durchschnitt aber nur bis zu sieben.
Beim Vergleich der Parasitämien in Relation zum Gewicht fanden sich bei beiden Geschlechtern signifikant höhere Parasitämien bei Tieren, die 1-2 g unter dem Gewicht der meisten Tiere lagen.
· Zur Erfassung der Stress-Intensitäten wurden Besonderheiten im Blutbild sowie die Konzentrationen des Stresshormons Kortikosteron herangezogen. Bei dem erstmals erstellten generellen Blutbild der Kohlmeisen besaßen Männchen und Weibchen ohne Ausbildung von Maxima 0-34 heterophile Granulozyten pro 100 Granulozyten, die Nestlinge 0-21, wobei aber die meisten Tiere 1-9 dieser veränderten Granulozyten aufwiesen. Die Prävalenz Zusammenfassung 128 der veränderten heterophilen Granulozyten, die den Stress widerspiegeln sollen, lag bei den Nestlingen bzw. Weibchen signifikant höher als bei den Männchen, wobei sich die Anzahl dieser selbst nicht unterschied. Ein weiterer Stress-Indikator, der Quotient der Anzahl heterophiler Granulozyten und Lymphozyten, war in den meisten Lokalitäten bei den Weibchen höher als bei den Männchen. Bei der Bestimmung der Stresshormon- Konzentrationen durften vom Fang bis zur Blutentnahme nicht mehr als 7,5 min vergehen, weil sonst die Hormon-Konzentrationen signifikant anstiegen. Bei den optimal entnommenen Proben fanden sich meist keine statistisch signifikanten Unterschiede der Konzentration von Männchen, Weibchen und Nestlingen und ebenfalls keine Auswirkungen der Lokalitäten, Brutzeit und Parasitierung.
· Die molekularbiologischen Vaterschaftsanalysen über den DNA-Sequenzvergleich von Short-tandem-Repeats belegte bei 74 % der Gelege und 22 % der Nestlinge Fremdvaterschaften, bei 17 % der Gelege sogar von 2-4 Fremdvätern. Bei 34 % der Nestlinge hatten die Weibchen mit einem Reviernachbarn kopuliert, ansonsten dürfte es sich um Männchen ohne eigene Nisthöhle gehandelt haben. Bei Gelegegrößen mit insgesamt 1-11 Nestlingen fanden sich Fremdvaterschaften in allen Lokalitäten, häufiger bei Gelegen mit 2-7 Nestlingen.
· Beim Vergleich der verschiedenen Parameter war in keiner Lokalität ein signifikanter Zusammenhang zwischen der Parasitämie und der Fremdgehrate zu erkennen, bei parasitierten Männchen schienen die Weibchen aber häufiger fremd zu gehen. Bei beiden Geschlechtern wiesen Weibchen, die fremdgegangen waren und Männchen deren Weibchen mit anderen Männchen kopuliert hatten durchschnittlich niedrigere Kortikosteron-Konzentrationen auf als Tiere, deren Gelege nur Nestlinge des sozialen Vaters enthielt. Die Anzahl der Nester mit Nestlingen von Fremdkopulationen bei Paaren mit verschiedenen Kombinationen von parasitierten bzw. unparasitierten Partnern ergab, dass in vier untersuchten Lokalitäten (Bredeneyer Wald, Holsterhausen, Segeroth-Park Ost und West) ab mindestens einem parasitiertem Partner die Fremdgehrate höher lag, als bei zwei unparasitierten Elterntieren. In beiden Segeroth Lokalitäten sogar signifikant.