Nothbaum-Leiding, Birgit:

Die Praxis der ambulanten Pflege aus der Perspektive einer Pflegekraft : Herausforderungen, Möglichkeiten und Grenzen der ambulanten Pflege unter besonderer Berücksichtigung der Gestaltung des Verhältnisses zu den Angehörigen pflegebedürftiger älterer Menschen ; eine qualitative Studie

Duisburg, Essen (2011), X, 747 S.
Dissertation / Fach: Soziologie, Sozialwissenschaften
Fakultät für Gesellschaftswissenschaften
Duisburg, Essen, Univ., Diss., 2011
Abstract:
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Praxis ambulanter Pflege. Beleuchtet wird die Personalperspektive. Die Aufmerksamkeit gilt der beruflichen Erfahrungswelt von Pflegekräften, die Arbeit in häuslichen Pflegearrangements leisten. Deren berufliche Erfahrungen mit der Gestaltung des Verhältnisses zu den Angehörigen pflegebedürftiger älterer Menschen stehen im Mittelpunkt der Untersuchung. Gelingt der Aufbau von Unterstützungsnetzwerken, in denen informelle Unterstützungsleistungen der Angehörigen mit formellen Unterstützungsleistungen der Pflegekräfte verwoben sind? Für die Zwecke dieser Arbeit wurden Daten einer Studie ausgewertet, die in den Jahren vor der Einführung der gesetzlichen Pflegeversicherung durchgeführt worden ist: Jene KASSELer Pflegedienst-Studie (1988 - 1990) war seinerzeit in nationale und internationale Forschungszusammenhänge eingebettet. Sie bietet sog. qualitatives Datenmaterial (Leitfadeninterviews), das nicht nur auf die allgemeine berufliche Handlungspraxis, sondern auch auf einzelne Fallgeschichten (acht!) bezogen ist. Die vorliegende Untersuchung zeigt: Die Pflegekraft leistet Berufsarbeit in Situationen, die von Komplexität und Kontingenz gekennzeichnet sind. Das Spannungsfeld aus Sozialpolitik und Recht, ambulanter Pflegeorganisation, Pflegeausbildung, Pflegeberuf und privaten Pflegehaushalten steckt die Rahmenbedingungen für die Auftragserledigung ab. Sie ist gefordert, auf Basis von Bedarfsprüfungen an der Entwicklung individualisierter Unterstützungsarrangements zu arbeiten. Dreh- und Angelpunkt für die Entwicklung individualisierter Unterstützungsarrangements ist die Interaktion mit Angehörigen pflegebedürftiger älterer Menschen. Der Aufbau eines Unterstützungsnetzwerks, das sich durch eine fallspezifische Verflechtung von formellen und informellen Unterstützungsleistungen auszeichnet, stellt eine an der Nahtstelle zwischen ambulanter Pflegeorganisation und Pflegehaushalt zu bewerkstelligende Gestaltungsaufgabe dar, deren erfolgreiche Erledigung voraussetzungsvoll ist und sich nicht garantieren lässt. Die vorliegende Arbeit, die sich mit der Praxis ambulanter Pflege in der Zeit vor Einführung der gesetzlichen Pflegeversicherung befasst, fordert und fördert den Vergleich mit der Praxis ambulanter Pflege im Zeitalter der gesetzlichen Pflegeversicherung. Sie verdeutlicht: Die Erfordernisse der Berufspraxis sind in vielen Hinsichten gleich geblieben. Der Druck auf die Interaktion zwischen Pflegekräften und pflegenden Angehörigen hat mit Einführung des regulierten Pflegemarktes erheblich zugenommen. Ökonomisierte und bürokratisierte Pflegeangebote sind zu einem Negativmerkmal ambulanter Pflege geworden. Das Handlungsproblem auf Seiten der Pflegekräfte ist geblieben: die Entwicklung von Unterstützungsnetzwerken, in denen informelle Unterstützungsleistungen von Angehörigen und formelle Unterstützungsleistungen von Pflegekräften auf individualisierte Weise verflochten sind. Aber die Handlungsspielräume, an der Problemlösung zu arbeiten, haben sich verengt. In der Arbeit werden Anknüpfungspunkte aufgezeigt, die der Diskussion um die Zukunft häuslicher Pflegearrangements in Gestalt der ebenso klassischen wie aktuellen wissenschaftlichen Debatte um Strategien der Förderung und Stabilisierung informeller Unterstützungsleistungen zur Verfügung stehen.