Dirks, Henrike Teelka:

Suchtmittelkonsum und sexuelles Risikoverhalten HIV-infizierter Männer in spezialisierter ambulanter Behandlung

Duisburg, Essen (2011), 92 Bl.
Dissertation / Fach: Medizin
Medizinische Fakultät » Universitätsklinikum Essen » LVR-Klinikum Essen » Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Scherbaum, Norbert (Doktorvater, Betreuerin)
Schäfers, Maria (GutachterIn)
Duisburg, Essen, Univ., Diss., 2011
Abstract:
In westlichen Industriestaaten bilden Männer, die sexuelle Kontakte zu Männern (MSM) haben die größte Subgruppe unter HIV-Infizierten. In Deutschland betreffen 62 % aller HIV-Infektionen MSM. Die Inzidenz in dieser Gruppe ist auf hohem Niveau stabil. Um mithilfe von zielgruppenspezifischen Präventions- und Interventionsstrategien sexuell riskante Verhaltensweisen und somit potenzielle HIV-Transmissionen zu reduzieren, ist die Identifikation von Determinanten sexuellen Risikoverhaltens essenziell. Die vorliegende Untersuchung analysiert den Konsum von Suchtmitteln, die Ausprägung von Impulsivität, depressiven Symptomen, kompulsivem Sexualverhalten und sexuellem „Sensation Seeking“ als Einflussfaktoren auf sexuell riskantes Verhalten von HIV-Patienten.
Bisherige Studien untersuchten zumeist US-amerikanische Stichproben und HIV-negative MSM. Bislang gibt es keine Daten aus Deutschland und nur wenige aus Europa. Untersucht wurden 475 HIV-positive MSM, die seit mindestens zwölf Monaten von ihrer Infektion wussten und sich in spezialisierter ambulanter Behandlung an Universitätsklinken befanden. Das Sexualverhalten in den vorangegangenen zwölf Monaten und der Konsum von Alkohol und Drogen wurden mithilfe eines persönlich geführten strukturierten Interviews erhoben. Weiterhin kamen vier Selbstberichtsfragebögen zum Einsatz.
Es zeigte sich, dass 61 % der Befragten in den letzten zwölf Monaten ungeschützte Sexualkontakte hatten. Von dem für die HIV-Transmission besonders relevanten ungeschützten insertiven Analverkehr berichteten 37 % der Teilnehmer. Hinsichtlich des Zusammenhangs von Suchtmitteln und sexuell riskantem Verhalten zeigte sich, dass Konsumenten von Cannabis, Amylnitrit („Poppers“), Dissoziativa, Amphetaminen, Kokain, Medikamenten gegen erektile Dysfunktionen und Alkohol signifikant häufiger von ungeschützten insertiven oder rezeptiven Analverkehr berichteten. Auch Alkohol- und Drogenkonsum im direkten Kontext sexueller Aktivität erhöhte signifikant die Häufigkeit für ungeschützten Analverkehr.
Bei der Entwicklung zukünftiger Präventions- und Interventionsstrategien sollte Suchtmittelkonsum als wichtige Einflussgröße berücksichtigt werden. Zielgruppenspezifische „Prävention mit Positiven“ sollte integrierter Bestandteil eines umfassenden HIV-Präventionskonzeptes werden.