Leutner, Detlev; Klieme, Eckhard; Wirth, Joachim:

Problemloesekompetenz - Oekonomisch und zugleich differenziert erfassbar?

In: Problemloesekompetenz von Schuelerinnen und Schuelern. Diagnostische Ansaetze, theoretische Grundlagen und empirische Befunde der deutschen PISA-2000-Studie. / Klieme, Eckhard; Leutner, Detlev; Wirth, Joachim (Hrsg.)
1. Aufl., Wiesbaden: VS, Verl. für Sozialwiss. (2005), S. 73-82
ISBN: 3-531-14736-6
Buchaufsatz / Kapitel / Fach: Psychologie
Fakultät für Bildungswissenschaften
Abstract:
Unter Bezug auf die in der Program for International Student Assessment-(PISA-)2000-Studie erfassten Daten werden Fragen der konvergenten und diskriminanten Validitaet der Masse des faecheruebergreifenden Problemloesens untersucht und um zwei Perspektiven erweitert. Zum einen wurde im Hinblick auf eine oekonomische Testanwendung geprueft, ob sich auch mit weniger als im PISA-Feldtest angewendeten Testinstrumenten und einfach zu berechnenden Problemloesemassen dieselbe Kompetenzstruktur abbilden laesst. Zum anderen wurden weiterfuehrende Analysen zur Differenzierung der Problemloesekompetenzen durchgefuehrt. Waehrend im 1999 durchgefuehrten PISA-Feldtest fuer die Erfassung unterschiedlicher Aspekte des Problemloesens sechs Verfahren eingesetzt wurden, die insgesamt elf Masse lieferten, wurden in der vorliegenden Studie die analytischen Aspekte des Problemloesens nur mithilfe der Projektaufgaben beschrieben. Die im PISA-Feldtest zusaetzlich erhobenen Daten zum Analogen Transfer oder zur Fehlersuche fuer die Erfassung analytischer Problemloesekompetenz wurden dagegen nicht beruecksichtigt. Als Instrument zur Erfassung der dynamischen Aspekte des Problemloesens wurden lediglich die Daten des Raumfahrtspiels verwendet, waehrend das im PISA-Feldtest zusaetzlich eingesetzte oekologische Planspiel unberuecksichtigt blieb. Eine explorative Faktorenanalyse zeigte, dass die Projektaufgaben die Faehigkeiten zum analytischen Problemloesen abbildeten und durch die Aufgaben des Raumfahrtspiel zwei unterschiedliche Facetten des dynamischen Problemloesens, naemlich die Faehigkeit zum interaktiven Wissenserwerb (Interpolations- und prospektive Aufgaben) und die Faehigkeit zur zielgerichteten Wissensanwendung (Steuerungsaufgaben), erfasst wurden. Um die Zusammenhangsstruktur zwischen diesen drei Massen fuer die faecheruebergreifende Problemloesekompetenz, den fachgebundenen Kompetenzen im Lesen, in der Mathematik und in den Naturwissenschaften und der Intelligenz darzustellen, wurde eine Multidimensionale Skalierung durchgefuehrt. Das Ergebnis machte deutlich, dass sich mithilfe der drei Masse die Kompetenzstruktur, wie sie im PISA-Feldtest unter Einsatz vieler Instrumente aufgezeigt werden konnte, konzeptuell replizieren liess: Es zeigte sich wie im Feldtest eine Radexstruktur, in deren Zentrum die Intelligenz angesiedelt war und in der sich die vier Kompetenzbereiche Lesen, mathematische und naturwissenschaftliche Grundbildung sowie faecheruebergreifende Problemloesekompetenz separieren liessen. Zugleich waren differenzierende Aussagen ueber Aspekte des dynamischen Problemloesens moeglich. Waehrend die Faehigkeit zum interaktiven Wissenserwerb relativ gesehen staerker mit den Teilkompetenzen des Lesens korreliert war, hing die zielgerichtete Wissensanwendung staerker mit der mathematischen und naturwissenschaftlichen Grundbildung zusammen. Analytisches Problemloesen korrelierte eng mit der Lesekompetenz, insbesondere mit der Faehigkeit zum textbezogenen Interpretieren. Insgesamt sprechen die Befunde fuer eine hohe Konstruktvaliditaet der drei Problemloesemasse, die damit fuer eine sowohl oekonomische als auch differenzierte Erfassung der Problemloesekompetenz empfohlen werden koennen.