Die Entwicklungstaxonomie von Moffitt im Spiegel neuerer Befunde - Einige Bemerkungen zur "jugendgebundenen" Delinquenz.

In: Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, Jg. 53 (2004) ; Nr. 10, S. 722-737
ISSN: 0032-7034
Zeitschriftenaufsatz / Fach: Psychologie
Fakultät für Bildungswissenschaften » Institut für Psychologie
Abstract:
T. E. Moffitt beschreibt in ihrer Taxonomie zwei Entwicklungswege delinquenten Verhaltens: eine passagere, auf das Jugendalter begrenzte ("jugendgebundene"; "adolescence-limited") sowie eine fruehzeitig einsetzende und ueber den Lebenslauf persistierende ("persistente"; "life-course-persistent") Verlaufsform. Anhand der Ergebnisse neuerer Laengsschnittstudien wird die empirische Bewaehrung der Theorie ueberprueft. Die referierten Befunde bestaetigen weitgehend die beiden von Moffitt postulierten Verlaufsformen und unterstreichen die Bedeutung des Beginns delinquenter Verhaltensweisen im Entwicklungsverlauf (Kindheit versus Jugend). Jedoch sprechen die Befunde auch recht uebereinstimmend fuer eine Erweiterung der bisherigen Perspektive, da - entgegen der Theorie Moffitts - "jugendbeginnende" ("adolescence-onset") und "jugendgebundene" ("adolescence-limited") Delinquenz nicht gleichgesetzt werden koennen. Vielmehr lassen die Befunde vermuten, dass neben den beiden von Moffitt postulierten Verlaufsformen eine weitere existiert, in der delinquente Verhaltensweisen erstmals im Jugendalter auftreten (ohne antisoziale Vorgeschichte in der Kindheit) und im weiteren Entwicklungsverlauf persistieren. Ausgehend von diesen Befunden wird fuer eine Perspektivenerweiterung plaediert, in der neben der Kindheit auch die Adoleszenz als "sensible Periode" fuer die Genese eines delinquenten Entwicklungsverlaufs betrachtet werden sollte. Fragestellungen, die sich hieraus fuer zukuenftige Forschungsarbeiten auf diesem Gebiet ergeben, werden skizziert.