Lüdecke, Hildegard:

Copingstrategien bei rezidivierenden Kopfschmerzen : eine Analyse von Kindern der vierten Grundschulklasse

(2010), 102 Bl.
Dissertation / Fach: Medizin
Medizinische Fakultät
Diener, Hans Christoph (Doktorvater, Betreuerin)
Schara, Ulrike (GutachterIn)
Duisburg, Essen, Univ., Diss., 2011
Abstract:
Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist die Frage, welches Bewältigungsverhalten Viertklässler bei rezidivierenden Kopfschmerzen in Abhängigkeit vom Geschlecht, der Schmerzrezidivität und der Lebensqualität zeigen. Bisherige Studien zu kindlichen Bewältigungsstrategien stützen sich fast ausschließlich auf Fragebögen, deren Items aus dem Erwachsenenbereich adaptiert wurden. Der hier vorgestellte Ansatz nimmt die kindliche Perspektive ein und erfasst die von Viertklässlern spontan generierten, subjektiven Copingstrategien.
163 Viertklässler im Alter von 9 bis 10 Jahren wurden mit Hilfe des Essener Kinder-Schmerzinterviews zu vier verschiedenen Schmerzsituationen befragt. Grundlage für die vorliegende Analyse sind 571 von insgesamt 7876 kindlichen Äußerungen zum Bereich Kopfschmerzbewältigung. Die statistische Analyse der Daten zeigt keine signifikanten, geschlechtsspezifischen Unterschiede weder in Bezug auf die Anzahl generierter Äußerungen, noch auf die Verwendung emotionsorientierter Copingstrategien. Basiert die weitverbreitete Meinung, dass es große Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen gibt, auf Vorurteilen? Entgegen der formulierten Erwartung sind die Faktoren „Schmerzrezidivität“ und „Lebensqualität“ für die hier untersuchte Altersgruppe ebenfalls nicht statistisch relevant. Die Ergebnisse der vorliegenden Studie verdeutlichen, dass Kinder bereits im konkret-operationalen Entwicklungsstadium über ein großes Repertoire an effektiven Copingstrategien bei Kopfschmerzen verfügen. Diese Erkenntnis sollte - auch auf dem Hintergrund des Artikels 12 der UN-Kinderrechtskommission, der das Recht auf Mitbestimmung und Information über die eigene Person beinhaltet - in der pädiatrischen Praxis Beachtung finden. Kinder sind in den diagnostischen Prozess stärker mit einzubeziehen, die Aufklärung über ihre Erkrankung ist kindgerecht zu gestalten und ihre Bedürfnisse sind im Behandlungsverlauf stärker zu integrieren.
Ansprechpartner für das medizinische Personal sollten die Kinder selbst und ihre Eltern in gleichem Maße sein. In Bezug auf die medikamentöse Therapie bei kindlichen Kopfschmerzen, die als Copingstrategie mit in die Untersuchung der Viertklässler eingegangen ist, zeigte sich ein Mangel an aussagekräftigen klinischen Studien in dieser Altersgruppe. Die alleinige medikamentöse Behandlung der Kopfschmerzen von Viertklässlern ist demzufolge kritisch zu bewerten und nur innerhalb eines multidisziplinären, multimodalen Therapiekonzeptes einzelfallorientiert und auch in Abhängigkeit von der alltäglichen subjektiven Beeinträchtigung des Kindes durch die Kopfschmerzen zu beurteilen.