Veer, Tobias:

Soziales Kapital und Wohlfahrtsverbände

Duisburg, Essen (2011), 274 S.
Dissertation / Fach: Soziologie, Sozialwissenschaften
Fakultät für Gesellschaftswissenschaften » Institut für Soziologie
Strasser, Hermann; Erlinghagen, Marcel (GutachterIn)
Duisburg, Essen, Univ., Diss., 2011
Abstract:
Gesellschaftliche Entwicklungen wie der demografische Wandel und die damit verbundene Zunahme demenzerkrankter Menschen gehören zu den bedeutendsten Umbrüchen in der Gegenwartsgesellschaft, deren Folgen uns in den nächsten Jahrzehnten begleiten werden. Um den daraus resultierenden Herausforderungen und Aufgaben gerecht zu werden, wird in Deutschland eine wissenschaftliche und öffentliche Debatte über sozialen Zusammenhalt, Gemeinschaftsbindungen und Solidarität angetrieben, die unter anderem zu einer Neuentdeckung bürgerschaftlichen Engagements führt. Gerade der Dritte Sektor geht als Reparaturdienst für die drohenden Versorgungslücken des Sozialstaats aus der Diskussion hervor. Denn er bildet die infrastrukturelle Basis für die Mehrheit der Engagierten und ist gleichsam das Bindeglied zwischen Individuum und Gesellschaft sowie Markt und Staat. Die intermediären Organisationen stabilisieren gemeinschaftsbezogene Werte und fördern das Sozialkapital einer Gesellschaft, welches zum Wohlbefinden der Menschen positiv beiträgt. Im Mittelpunkt des Bestrebens steht die produktive Einbindung von Freiwilligen zum Wohle der Gesellschaft und speziell von pflegebedürftigen Senioren. Dieses Vorhaben ist nicht abwegig. Untersuchungen weisen darauf hin, dass soziale Leistungen zunehmend ehrenamtlich getragen werden. Aktiv sind insbesondere jüngere Senioren zwischen 60 und 69 Jahren, die hilfsbedürftige Menschen betreuen. Als Aufgabe der Gesellschaft kristallisiert sich zunehmend heraus, sinnvolle Rollen für Engagierte und Interessierte, vor allem in der Betreuung von Menschen mit Demenz, zu finden. Um aber bürgerschaftliches Engagement in Einrichtungen des Dritten Sektors zu legitimieren und damit zu fördern sowie langfristig zu stabilisieren, ist der Beitrag Freiwilliger in einem auf ökonomischen Prinzipien ausgerichteten Pflegemarkt von Bedeutung. Und ebenso stark wiegt bei den bürgerschaftlich Engagierten das Interesse, inwiefern eine freiwillige Tätigkeit ihnen selbst von Nutzen ist, um den wachsenden individuellen Ansprüchen und auch Möglichkeiten Rechnung zu tragen. Im Rahmen der vorliegenden empirischen Untersuchung in exemplarisch ausgewählten Trägereinrichtungen der Freien Wohlfahrtspflege werden die organisatorischen Rahmenbedingungen der Freiwilligenarbeit ermittelt. Auf dieser Grundlage wird die Effektivität des Managements von Freiwilligen dargestellt und die unbezahlte Arbeit im Rahmen einer Kosten-Nutzen-Analyse quantifiziert. Für eine ganzheitliche Bewertung des bürgerschaftlichen Engagements werden darüber hinaus qualitative Nutzengrößen erfasst. Es folgen Vorschläge, wie ein sowohl effektiver, also sinnvoller und zielgerichteter, als auch effizienter bzw. die Wertschöpfung steigernder Einsatz von Freiwilligen aussehen kann, der eine nachhaltige Wirkung für eine lebenswerte Gesellschaft der näheren Zukunft entfaltet. Die Ergebnisse der Untersuchung belegen, dass die Wertschöpfung deutlich höher ausfällt als die Kosten für einen systematisch aufgebauten Organisationsablauf von Freiwilligenarbeit, der von der Bedarfseinschätzung und Anwerbung über die Ausbildung und Begleitung bis hin zur Anerkennung und Evaluation reicht. Die Analyse zeigt, dass freiwillige Leistungen zur Genese von sozialem Kapital, und ebenso von physischem, ökonomischem und Humankapital beitragen. Von den Erträgen der Kapitalakkumulation profitieren die freiwillig Engagierten, die Organisationen und nicht zuletzt die Gesellschaft. Die Nutzenausprägung des Engagements verhält sich positiv zum Organisationsgrad der Freiwilligenarbeit. Anders gesagt: Je mehr Ressourcen in die Freiwilligenarbeit investiert werden und je eher strategischen und operativen Entwicklungsaufgaben entsprochen wird, umso effektiver und effizienter ist die Arbeit mit Freiwilligen bzw. desto höher fällt die entsprechende Wertschöpfung für alle Beteiligten aus.