Jost, Diana:

Textverstehen von Hauptschülern der fünften Jahrgangsstufe : eine explorative Studie und zwei Trainingsstudien

Duisburg; Essen (2010), 187 Bl. + 1 CD-ROM
Dissertation / Fach: Erziehungswissenschaften; Psychologie
Fakultät für Bildungswissenschaften » Institut für Psychologie » Lehr-Lernpsychologie
Duisburg, Essen, Univ., Diss., 2011
Abstract:
PISA 2000, PISA 2003 und PISA 2006 zeigten, dass über die Hälfte 15-jähriger Hauptschüler kaum in der Lage ist, Texte adäquat zu verstehen. Folglich scheint eine frühzeitige Förderung von Hauptschülern direkt nach der Grundschule indiziert. Textverstehen ist jedoch ein komplexer Prozess, bei dem zahlreiche Subprozesse eine Rolle spielen. Um ein neues Trainingsprogramm für Hauptschüler der fünften Jahrgangsstufe zu entwickeln, sollte zuerst untersucht werden, welcher dieser basalen Subprozesse noch defizitär ist und dadurch zu einer Überlastung des Arbeitsgedächtnisses führt. Folglich wurde eine explorative Studie mit 255 Hauptschülern der fünften Klasse durchgeführt. Es zeigte sich, dass Hauptschüler auch basale Prozesse wie das akkurate und schnelle Vorlesen zusammengesetzter Wörter noch nicht beherrschten. Um die Lesegeschwindigkeit beim Lesen zusammengesetzter Wörter zu verbessern, wurde ein silbenbasiertes Lesegeschwindigkeitstraining entwickelt. Schüler wurden in einer ersten Trainingsphase vier Wochen lang schultäglich 15 min. hinsichtlich ihrer Lesegeschwindigkeit trainiert. Währenddessen wurde die Kontrollgruppe im schnellen Lösen von Aufgaben in den Grundrechenarten trainiert. Durch eine erhöhte Lesegeschwindigkeit als Zeichen voranschreitender Automatisierung sollte Arbeitsgedächtniskapazität frei werden, so dass diese Arbeitsgedächtniskapazität zum Textverstehen genutzt werden kann (LaBerge & Samuels, 1974). Gemäß Pressley (1994) reicht eine Verbesserung der Lesegeschwindigkeit zur Erhöhung des Textverstehens nicht aus; zusätzlich muss noch der Einsatz von Verstehensstrategien unterrichtet werden. Folglich wurden in einer zweiten Trainingsphase Lesestrategien trainiert. Obwohl nach der ersten Trainingsphase Lesegeschwindigkeit und Leseverstehen auf Wort- und Satzebene durch das silbenbasierte Training erhöht werden konnten, ließ sich entgegen der Theorie der automatischen Informationsverarbeitung (LaBerge & Samuels, 1974) kein besseres Textverstehen feststellen. Da das Lesestrategietraining nicht effektiv war, ließ sich Pressleys Theorie nicht überprüfen.
Aufgrund der Kürze des Trainings ist anzunehmen, dass durch das silbenbasierte Lesegeschwindigkeitstraining noch keine Automatisierung aller deutschen Silben erreicht werden konnte. In einer Folgestudie nahmen Hauptschüler deshalb drei Monate lang jeweils 45 min. dreimal wöchentlich an einem silbenbasierten Lesegeschwindigkeitstraining teil, während die gematchte Kontrollgruppe im gleichen Umfang an einem herkömmlichen textbasierten Lesegeschwindigkeitstraining teilnahm. Obwohl wieder Lesegeschwindigkeit und Leseverstehen auf Wortebene signifikant zugunsten der silbenbasierten Trainingsgruppe erhöht werden konnten, ließ sich das Textverstehen nicht verbessern. Folglich stehen auch diese Ergebnisse im Widerspruch zu LaBerges und Samuels Theorie und stützen eher Pressleys Theorie.