Stuenkel, Oliver:

Towards the "greater West" or a "post-Western world"? International instututions, integration and confrontation in India's and Brazil's foreign policy strategy

Duisburg, Essen (2010), 282 S.
Dissertation / Fach: Politikwissenschaft
Fakultät für Gesellschaftswissenschaften » Institut für Politikwissenschaft
Messner, Dirk (Doktorvater, Betreuerin)
Debiel, Tobias (GutachterIn)
Duisburg, Essen, Univ., Diss.,2010
Abstract:
Nach Jahrzehnten der Bipolarität während des Kalten Krieges befindet sich das internationale System im Umbruch. Nach ein bis zwei „uni-multipolaren“ Jahrzehnten stehen wir am Beginn eines multipolaren einundzwanzigsten Jahrhunderts. Der Großteil der Studien zum diesem Thema konzentriert sich dabei auf die Großmächte, die die internationale Politik dominieren. China und die Europäische Union werden in der Regel als die wichtigsten Akteure neben den Vereinigten Staaten angesehen. Dagegen argumentieren Khanna und Kennedy, dass nicht nur diese drei Akteure die Struktur des globalen Systems bestimmen, sondern die sogenannte “Zweite Welt”, die aus aufsteigenden, jedoch noch nicht etablierten Mächten wie zum Beispiel Brasilien und Indien besteht. In diesem Zusammenhang prognostizieren Fareed Zakaria und Kishore Mahbubani die ‘Post-Amerikanische Welt’ und den ‘Aufstieg der Anderen’, und Ciorciari vertritt die These, dass die Entscheidungen aufsteigender und nicht etablierter Mächte wie Brasilien und Indien systemverändernde Konsequenzen haben können. Werden sich Brasilien und Indien mit dem Westen verbünden und sich in das westliche System integrieren? Oder werden sie eine unabhängige Strategie verfolgen und den Westen damit konfrontieren? Wie verhalten sich die Staaten in der Peripherie der internationalen Institutionen und der globalen Machtverteilung; Staaten, die ihre Position im Prozess der Internationalisierung von Autorität stärken wollen? Die Diskussion darüber, wie ‘der Rest’ aufsteigen wird, ist von Vertretern des Realismus und des Liberalismus dominiert. Sie sind uneins darüber, was in einer multipolaren Welt geschehen wird. Liberale erwarten Integration, Realisten halten Konfrontation für wahrscheinlicher. Jedoch zeigt eine erste Analyse, dass Indiens und Brasiliens Verhalten weder vollends den Erwartungen der Realisten, noch denen der Liberalen entspricht. Auf der einen Seite legen beide Länder integratives Verhalten an den Tag. Zum Beispiel haben sich beide Staaten zu IWF-Geberländern gewandelt, und die jeweiligen Regierungen haben großen internen Widerstand überwunden, der oft anti-westliche Untertöne trug. Auf der anderen Seite machen beide Länder nicht den Eindruck, als würden sie sich problemlos in alle Institutionen integrieren. Zum Beispiel war Indien die einzige liberale Demokratie, die sich während des Kalten Krieges klar vom Westen distanziert hat und mitunter eine Gegenposition einnahm. Indien lehnt den Nichtverbreitungsvertrag ab und Brasilien weigert sich, zusätzliche und verschärfte Inspektionsbestimmungen zu unterstützen, die das nukleare Nichtverbreitungsregelwerk stärken würden. Daneben sind Brasilien und Indien die Staaten, die am häufigsten bei der Welthandelsorganisation Klage einreichen. Nayar und Paul heben hervor, dass Indien “auf fundamentaler Ebene nicht mit der internationalen Ordnung übereinstimmt, die von den status quo Mächten gefördert und gestärkt wird.” Andrew Hurrell stellt fest, dass Brasilien das internationale System historisch stets als negativ und ungerecht empfunden hat. Die beiden Haupttheorien der Internationalen Beziehungen können dieses Dilemma nicht hinreichend erklären. Die Debatte kann nicht zu tragfähigen Ergebnissen führen, weil die Termini nicht definiert sind, und weil es schwierig ist, die aufsteigenden Mächte auf sinnvolle Art und Weise zu kategorisieren. Wir müssen daher ein größeres Verständnis des internationale Systems entwickeln, eine aussagekräftige Kategorie für die zu untersuchenden Akteure schaffen und aufzeigen, welche Optionen die genannten Akteure haben. Nur dann können wir erklären, inwieweit aufsteigende Mächte, die sich an der ‚Peripherie’ der heutigen internationalen Ordnung befinden, dem Westen annähern, oder sich von ihm distanzieren werden. Meine Arbeit ist daher wie folgt strukturiert. Zuerst analysiere ich das Konzept des Westens und beschreibe, wie wir den Westen historisch definieren (1.1.). Ich zeige auf, dass traditionelle Definitionen des Wesens des Westens nicht ausreichend sind und einer genauen analytischen Untersuchung nicht standhalten. Zum Beispiel mag die Idee der Menschenrechte oder der Gewaltenteilung in der intellektuellen Geschichte der westlichen Welt eine wichtige Rolle gespielt haben. Die universelle Anwendung oder Missachtung dieser Grundsätze unterscheidet sich im Westen allerdings nicht eindeutig von denen in nicht westlichen Regionen. Anstelle einer exakten Definition ist es sinnvoller, die praktischen Konsequenzen des Westens zu verstehen und zu erkennen, wie Akteure das Konzept verstehen und umsetzen, indem wir ihr Verhalten gegenüber den internationalen Institutionen untersuchen (1.2.). Aufgrund der tragenden Rolle, die die westlichen Staaten bei der Entstehung der heutigen Weltordnung gespielt haben, können wir das heutige System als ‚westliche Weltordnung‘ bezeichnen. Dieses Konzept ist post-ideologisch und geht über kulturelle, zivilisatorische und historische Aspekte hinaus. Das entscheidende Merkmal sind vielmehr die Prozesse, die dieser Weltordnung zugrunde liegen, unter anderem Repräsentation, Regeln, Mitgliedschaft, intra-instituionalle Mobilität, Fairness, Reziprozität, Demokratie, ökonomische Interdependenz und der konstitutionelle Charakter. Ich definiere Länder, die nur teilweise in die westliche Weltordnung integriert sind, als „Randnationen“ (fringe nations), eine Kategorie der Brasilien und Indien angehören (1.3.). Zweitens analysiere ich den theoretischen Hintergrund der Frage, wie sich demokratische Akteure aus Sicht des Liberalismus gegenüber internationalen Institutionen verhalten und wie der Liberalismus das internationale System in seiner Gesamtheit interpretiert. Hier zeige ich, wieso die Vertreter der liberalen Theorie erwarten, dass sich die „Randnationen“ in die westliche Weltordnung integrieren werden (1.4.). Drittens entwickele ich spezifische Kategorien, die uns erlauben, die Optionen aufsteigender Mächte besser zu verstehen und zu interpretieren. Diese Kategorien sind „bedingungslose Integration“, „revisionistische Integration“, „Bündnisstrategie“, „themenbezogene Konfrontation“ und „systemische Konfrontation“. Ich verwende diese Kategorien als Denkmuster für meine Recherche (1.5.). Viertens gebe ich einen Überblick über Brasiliens und Indiens Verhalten gegenüber einer Reihe von Institutionen, der uns erlaubt zu prüfen, ob der Liberalismus die Haltung der beiden Staaten erklären kann (2.1. und 2.2.). Für die Fälle, in denen der Liberalismus bestimmte Verhaltensmuster nicht erklären kann, entwickele ich mit der Hilfe des Konstruktivismus eine weitere Hypothese, um alternative Erklärungsansätze zu finden. Fünftens analysiere ich drei Fallstudien, um meine Hypothese zu prüfen und Abweichungen zu erklären (3). Die Fallstudien (UN Sicherheitsrat, Bretton Woods Institutionen und der Nichtverbreitungsvertrag) wurden gewählt, da sie zu den strategisch wichtigsten Institutionen zählen. Hinzu kommt, dass sich Brasiliens und Indiens Verhalten in Bezug auf diese Institutionen uneinheitlich darstellt, und eine profundere Analyse daher angebracht ist. Dies gilt insbesondere im Falle des Nichtverbreitungsvertrages, da beide Staaten eine aggressivere und konfrontativere Strategie an den Tag legen, die einer Erklärung bedarf. Der Fokus der Dissertation liegt somit auf den außenpolitischen Strategien der aufsteigenden Mächte. Es geht bei der Arbeit aber auch um die Frage der Beständigkeit der Institutionen. Entgegen der Erwartungen der Vertreter der realistischen Perspektive, die besagt, dass Brasilien und Indien revisionistische Akteure sind und das System grundlegend verändern wollen , ist meine These, dass die Kantsche liberale Theorie und der liberale Institutionalismus das Verhalten der aufsteigenden Mächte hinreichend erklären kann. Beide Theorien führen zu dem Schluss, dass sich aufsteigende Demokratien in die westliche Weltordnung integrieren werden, und dass die Nutzen für alle Beteiligten zu hoch sind, als dass sie gegen die bestehende Ordnung vorgehen würden. Diese These trifft allein dann nicht zu, wenn die aufsteigenden Staaten die Struktur einer bestimmte Institution als extrem ungerecht empfinden, wenn keine ‚intra-institutionelle Mobilität’ besteht, und wenn diese Situation als nicht lösbar interpretiert wird. Das ist dann der Fall, wenn aufsteigende Mächte die Struktur als inhärent ungerecht empfinden und keine Möglichkeit sehen, innerhalb der Institution gleichwertigen oder privilegierten Status zu erhalten. Dieses Argument beinhaltet konstruktivistische Argumente, da Aspekte wie Status und Identität eine wichtige Rolle spielen. Aufsteigende und institutionell nicht etablierte Mächte werden sich daher integrieren und einen ‚Greater West’ bilden, im Gegensatz zu einer ‚Post-Western World’ mit konkurrierenden Systemen. Im Widerspruch zur Ansicht der Vertreter der realistischen Theorie verändern sich Institutionen nicht grundlegend, wenn sich die Machtverteilung zwischen Staaten verändert. Diese Hypothese bezieht sich nicht auf das Verhalten nicht demokratischer Regime, und nicht auf den Einfluss, den internationale Institutionen auf innenpolitische Prozesse haben könnten. Die Dissertation untersucht Brasiliens und Indiens Verhalten gegenüber dem internationalen System zwischen 2003 und 2010, einen Zeitabschnitt, den Dominic Wilson als das „Jahrzehnt der BRICs“ bezeichnet.