Weigelt-Liesenfeld, Michael:

Untersuchungen zu einem wahrnehmungszentrierten Instrumentalunterricht : Aus dem Weg der Entdeckung ganzheitlicher Qualitäten im Instrumentalunterricht

Duisburg, Essen (2009), 530 S.
Dissertation / Fach: Erziehungswissenschaften; Soziologie, Sozialwissenschaften
Fakultät für Geisteswissenschaften
Fakultät für Bildungswissenschaften
Pütz, Werner (Doktorvater, Betreuerin)
Niessen, Anne (GutachterIn)
Dissertation
Abstract:
Untersuchungen zu einem wahrnehmungszentrierten Instrumentalunterricht /
Auf dem Weg der Entdeckung ganzheitlicher Qualitäten im Instrumentalunterricht

Im Focus der Dissertation steht ein Unterrichtsversuch mit erwachsenen Instrumentalschülern, dessen Konzeption auf zwei praxisbezogenen Lernfeldern aufbaut, die im alltäglichen Instrumentalunterricht eher stiefmütterlich behandelt werden:
1. Musizieren schwerpunktmäßig vom Hören geleitet in Anlehnung an die musikpädagogischen Vorstellungen von Heinrich Jacoby und
2. Verfeinerung der Körperwahrnehmung durch Einbeziehung von ausgewählten Bewegungslehren.

Auf der Basis dieser Lernfelder wird ein wahrnehmungszentriertes Unterrichtskonzept vorgestellt und mit Methoden der qualitativen Sozialforschung untersucht und ausgewertet. Ausgehend von der Frage, wie sich in der praktischen Umsetzung des Konzepts die Fähigkeit des Lernens von instrumentalen Fertigkeiten entwickelt, konnten mit Hilfe von regelmäßig durchgeführten Interviews und Gruppendiskussionen zahlreiche Hinweise von den Probanden gewonnen werden.
Der Aufbau der vorliegenden Arbeit gliedert sich im Wesentlichen in zwei große Teile: zum Ersten in einen didaktischen Teil, in dem die Darstellung der Schwerpunktlernfelder und der theoretischen Grundlagen erfolgt, und zum Zweiten in den empirischen Teil, der u.a. die Darstellung des Unterrichtsversuchs, die Vorstellung der Schüler und ihrer Entwicklung und Beispiele aus der Unterrichtspraxis enthält. Im Anschluss an die Zusammenfassung des Forschungsstandes ist im empirischen Teil außerdem die Vorstellung der Forschungsmethoden aus der qualitativen Sozialforschung zu finden. Der zugrunde gelegte Untersuchungsplan orientiert sich an einer modifizierten Form der offenen Handlungsforschung. Alle angewendeten wissenschaftlichen Methoden sind auf der Grundlage einer erkenntnistheoretischen Fundierung dargelegt und begründet.
Im Ergebnisteil der Arbeit sind zahlreiche Aspekte aus der Unterrichtspraxis zusammengestellt, die u.a. die Bedeutung der regelmäßigen Reflexion für die Probanden im Unterricht herausstellen. In Bezug auf den Untersuchungsgegenstand konnten mehrere Themenbereiche generiert werden, die positive Rückschlüsse auf die obige Ausgangsfragestellung zulassen. So haben die Probanden aus ihrer subjektiven Wahrnehmung heraus z.B. eine positive Veränderung beim Erlernen instrumentaler Fertigkeiten und eine Erweiterung ihrer Lern- und Übekompetenz im Verlaufe der Teilnahme am Unterrichtsversuch festgestellt.
Eine Schüsselrolle in Bezug auf das selbstgesteuerte und selbstbestimmte Lernen spielt dabei der vierte Themenbereich, in dem es um Rückschlüsse auf die nachhaltige „Wirkung“ des wahrnehmungszentrierten Instrumentalunterrichts geht und um die Frage, inwieweit der Unterricht und die eingesetzten Methoden Eingang in die Lebenswirklichkeit der Probanden gefunden haben.
Für die Bestätigung der Annahme, dass der Unterricht und die vermittelten Inhalte und Methoden vorläufigen Eingang in die Lebenswirklichkeit der Probanden lassen sich folgende Belege aus der Untersuchung anführen: Die Probanden haben für die Planung und Steuerung ihres Lernprozesses eigene Verantwortung übernommen. Das heißt, dass sie im Verlauf des Unterrichtsversuchs einen zunehmenden Überblick über die im Unterrichtsversuch vorkommenden Lernfelder und Methoden erhielten und aus diesen auswählten, was sie für ihre Ziele bzw. Bedürfnisse als zweckmäßig erachteten.
Diese Entscheidungskompetenz umfasst als Voraussetzung die Entwicklung von Fähigkeiten in den Bereichen des differenzierten Wahrnehmens, Analysierens und Auswählens dessen, was in Hinblick auf den Unterricht und die Inhalte für die Probanden subjektiv bedeutsam erscheint. Darüber hinausgehende Kompetenzen betreffen die Entwicklung von Fragestellungen auf der Metaebene, die sich auf das eigene Üben oder Unterrichten beziehen. Hierbei geht es um den reflektierten, selbstständigen Gebrauch und die Anwendung der Lerninhalte und Methoden aus dem Unterricht in Bereiche der eigenen Lebenswirklichkeit.
Eine weitere Voraussetzung für die Integration der Methoden in die eigene Lebenswirklichkeit stellt die Emanzipation der Probanden durch die kritische Auseinandersetzung mit der Unterrichtskonzeption und der Art des Unterrichtens dar. Auf der Grundlage einer zunehmenden Selbstständigkeit äußerten sich die Probanden auch über den Transfer der Unterrichtsmethoden in Bereiche der eigenen Lebenswirklichkeit, die die Unterrichtspraxis, die Musizierpraxis oder den privaten Bereich betrafen. Dadurch wird deutlich, dass die im Unterrichtsversuch vermittelten Kompetenzen von persönlicher Bedeutung für die Probanden sind.
Als ein praxisorientiertes Ergebnis der Untersuchung lässt sich anführen, dass aufgrund der hohen subjektiven Bedeutung, die die vermittelten Inhalte und Methoden für die Probanden im Unterrichtsversuch hatten, davon auszugehen ist, dass sie sich über die vermittelten Kompetenzen eigene neue Bereiche des selbstständigen Arbeitens eröffnet haben.
Trotz dieser insgesamt positiven Ergebnisse lässt sich eine endgültige Beantwortung der Frage nach Rückschlüssen auf die nachhaltige „Wirkung“ des wahrnehmungszentrierten Instrumentalunterrichts aufgrund der zeitlichen Begrenzung der Studie auf 12 Wochen nicht vornehmen.
Die Arbeit versteht sich als Beitrag zur Unterrichtsforschung im Bereich der Instrumentalpädagogik, für die bisher noch relativ wenige mit wissenschaftlichen Methoden durchgeführte Studien vorliegen.
Dokumententyp:	Wissenschaftliche Abschlussarbeiten » Dissertation