Stratthaus, Bernd:

Was heißt "interkulturelle Literatur"?

Duisburg, Essen (2005), 264 S.
Dissertation / Fach: Allgemeine u. vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaften
Fakultät für Geisteswissenschaften » Germanistik » Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik
Galle, Roland (Doktorvater, Betreuerin)
Joan i Tous, Pere (GutachterIn)
Dissertation
Abstract:
Die Arbeit nähert sich der schwierigen Semantik von „Kultur“, „Interkulturalität“ und „interkultureller Literatur“. Dazu wird zunächst ein begriffsgeschichtlicher Blickwinkel eingenommen. Im ersten Kapitel geht es um die Entwicklung des Begriffs der „interkulturellen Literatur“ in Deutschland bzw. ihrer französischen Pendants im Nachbarland. Der Akzent liegt dabei auf dem tatsächlichen Gebrauch des Begriffs. Im zweiten Kapitel wird ein näherer Blick auf das im postkolonialen Diskurs sehr erfolgreiche Konzept der „littérature mineure“ geworfen. Es wird in den Zusammenhang des Buches, in dem es entwickelt wurde (Deleuze/Guattari, Kafka) gestellt, um die Einseitigkeit der Rezeption des entsprechenden Konzepts herauszustreichen. In einem dritten Kapitel wird versucht den Begriff „Kultur“ zu klären, wie er in Kulturtheorie verwendet wird: Er rekurriert auf ein Paradoxon, das dann aber meistenteils aus pragmatischen Gründen wieder ausgeblendet wird. So werden recht eigentlich zwei Kulturbegriffe verwendet, die untereinander höchst inkompatibel sind. In einem zweiten Teil wird versucht, sich der „interkulturellen Literatur“ auf eine andere Weise zu nähern, nämlich, indem die Texte in alternativer Weise, d.h. nicht in Bezug auf „Kultur“ hin gelesen werden. Vor allem Elemente, die gewöhnlich geradezu reflexhaft einen Bezug zu „Kultur“ suggerieren (wie etwa Familie, das Verhältnis von Frau und Mann, religiöse Zitate u.a.m.), werden in einen alternativen Zusammenhang gestellt. Gegenstand der Betrachtungen sind Texte, die gewöhnlich zur „interkulturellen Literatur“, zur „littérature beur“ oder zur „Littérature maghrébine d’expression française“ gerechnet werden: Texte von Emine Sevgi Özdamar, Yoko Tawada, Driss Chraïbi, Assia Djebar und Maya Arriz Tamza. In einem ersten Kapitel wird der „Inspecteur Ali“ von Driss Chraïbi in Zusammenhang mit dem Schreibprozess und dem Problem der Autorschaft gelesen. Ein ausführlicher Prolog skizziert den Forschungsstand zu letzterer Thematik und widmet sich dabei ausführlich der Debatte zwischen Jacques Derrida und John Searle um die Sprechakttheorie von John Langshaw Austin. In einem zweiten Kapitel werden die familiären Konstellationen in Assia Djebars „Les nuits de Strasbourg“ untersucht und ein intertextueller Bezug zur sophokleischen „Antigone“ hergestellt. In einem dritten Kapitel geht es darum, Emine Özdamars „Brücke vom goldenen Horn“ im Licht der Theorie des Phantastischen zu betrachten. Dazu wird u.a. ein ausführlicher Blick auf Stephen Greenblatts Begriff des Wunderbaren geworfen. Am Ende plädiert die Arbeit dafür, den Begriff der „interkulturellen Literatur“ als Beschreibung einer Interpretationspraxis zu nutzen, nicht als analytischen Begriff, der bereits das Wesentliche an einer „bestimmten Art Literatur“ zu fassen vorgibt.

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