Baron, Sonja Corinna:

Das duale System der Berufsausbildung unter dem Einfluss der europäischen Berufsbildungspolitik : Entwicklungsprozesse und Herausforderungen

Duisburg, Essen (2007), 249 S.
Dissertation / Fach: Erziehungswissenschaften
Fakultät für Bildungswissenschaften » Institut für Berufs- und Weiterbildung (IBW)
Dobischat, Rolf (Doktorvater, Betreuerin)
Ertelt, Bernd-Joachim (GutachterIn)
Dissertation
Abstract:
Die Arbeit behandelt die Frage, ob und inwieweit die europäische Berufsbildungspolitik Einfluss auf die duale Ausbildung in Deutschland nimmt oder bereits genommen hat. Es konnte aufbauend auf den grundlegenden Betrachtungen in vier Haupt-Kategorien konstatiert werden, dass die europäische Berufsbildungspolitik durch ihre Maßnahmen der dualen Ausbildung in Deutschland sowohl entgegenwirkt, sie nicht berührt oder sie unterstützt.

Kontraproduktiv und konfliktreich wirkt etwa die europäische Ausrichtung auf schulische Berufsbildungsmodelle, welche bei gemeinsamen Klassifizierungssystemen, wie z.B. dem EU-Entsprechungsverfahren von 1985, gewählt wurde und aktuell an der Beschreibung der Deskriptoren des EQF sichtbar wird. Für die duale Ausbildung in Deutschland resultiert daraus eine Unterbewertung, da berufspraktische Ausbildungsphasen nicht angemessen berücksichtigt werden. Als konfliktreich ist ebenfalls die auf dem Vorbild der britischen NVQ-Systematik basierende, für die EQF/ECVET-Systematik herangezogene Modularisierung nach dem Singularisierungskonzept zu benennen, da diese nicht mit dem Berufskonzept vereinbar ist. Allerdings ergaben die näheren Analysen, dass trotz Reformen nach wie vor systemimmanente Grenzen - insbesondere hinsichtlich der Durchlässigkeit und der Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung – bestehen, welche die Unvereinbarkeit mit den europäischen Ansätzen mit verursachen.

Neutral verhalten sich Aspekte der europäischen Berufsbildungspolitik, welche weder das Ansehen und den Stellenwert noch die Struktur der dualen Ausbildung berühren. Hierzu gehören etwa die EUROPASS-Transparenzinstrumente, die Förderung der transnationalen beruflichen Mobilität sowie die Aussagen zur Gestaltung der Berufsberatungslandschaft.

Synergetische und konstruktive, jedoch vom systemimmannten Reformbedarf begrenzte Auswirkungen für die duale Ausbildung in Deutschland ergeben sich z.B. aus der europäischen Förderung der alternierenden bzw. Lehrlingsausbildung. Positiv zu bewerten ist ebenfalls die der EQF/ECVET-Systematik zugrunde liegende Ausrichtung auf berufliche Handlungskompetenz, welche ein zentrales Element der dualen Ausbildung darstellt. Vorbehaltlich entsprechender Reformen könnte die duale Ausbildung in dieser Hinsicht möglicherweise als ein Vorbild für die Gestaltung einer europäischen Berufsbildung dienen.

Die Analysen belegen, dass die Auswirkungen der europäischen Berufsbildungspolitik mit den aktuellen, auf die Schaffung eines „europäischen Raums der Berufsbildung“ ausgerichteten Prozessen deutlich spürbar sind. Sie bringen teils gravierende Veränderungen mit sich, die jedoch auf von der EU und den Mitgliedstaaten gemeinsam gefassten Beschlüsse beruhen und entsprechend legitimiert sind. Die Gemeinschaft gibt kein verbindliches „europäisches Berufsbildungsmodell“ vor. Bei der europäischen Berufsbildung handelt es sich vielmehr um eine Gestaltungsaufgabe, über welche es die Vielfalt und daraus resultierende Unterschiede zwischen den nationalen Berufsbildungssystemen zu berücksichtigen gilt. Die künftige Positionierung und der künftige Stellenwert der deutschen dualen Ausbildung in der EU wird daher maßgeblich vom engagierten, überzeugendem Handeln und Mitgestalten deutscher berufsbildungspolitischer Akteure bei gleichzeitiger Realisierung interner Reform- und Modernisierungsmaßnahmen abhängen.

Die Arbeit konnte in manchen Feldern tiefer liegende Aspekte nicht ausreichend behandeln; eine besonders wichtige Forderung ist die Vertiefung der Berufsbildungsforschung auf europäischer Ebene.

Dieser Eintrag ist freigegeben.