Riedel, Christian:

Wissenschaftshistorische Untersuchungen zur Entwicklungsgeschichte mentaler Erkrankungen in China

Essen (2002)
Dissertation / Fach: Medizin
Medizinische Fakultät » Universitätsklinikum Essen » Institut für Anatomie
Dissertation
Abstract:
Die vorliegende Arbeit stützt sich vorwiegend auf chinesische Publikationen. Unter Zugrun-delegung dieser Materialien wird der Versuch gemacht, einen Überblick über Geschichte und gegenwärtigen Stand der Psychiatrie und in gewissem Umfang auch der Psychologie in China zu geben. Da dabei nicht alle Bereiche erschöpfend behandelt werden können, wird der Schwerpunkt auf die Entwicklungsgeschichte moderner klassifikatorischer Systeme und dia-gnostischer Kriterien, die Häufigkeit der einzelnen psychischen Störungen, die Therapie psy-chischer Störungen (insbesondere Psychotherapie) sowie die psychiatrischen Versorgung ge-setzt. Den Abschluß bildet ein Ausblick auf die vermutliche zukünftige Entwicklung. In China sind Psychologie und Psychiatrie nicht als eigenständige Wissenschaft bzw. als eigenständiger Teilbereich einer Wissenschaft entwickelt. Während die Psychologie immerhin als Teil der geistigen Auseinandersetzung mit der westlichen Kultur von China selbst einge-führt wurde, wurde die Psychiatrie bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts von christli-chen Missionaren und ausländischen Experten geprägt. Hauptsächlich durch die zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen im Innern und den chinesisch-japanischen Krieg konnten in beiden Wissenschaften keine großen Fortschritte erzielt werden, andererseits erhielten viele der zum Teil bis heute führenden Wissenschaftler ihre Ausbildung in dieser Zeit und wurden durch diese Ausbildung geprägt. Nach dem Sieg der Kommunistischen Partei und der Grün-dung der VRCh im Jahr 1949 wurden beide Wissenschaften personell weiter geschwächt, da ein Teil die VRCh verließ und mit der Nationalregierung nach Taiwan oder in andere Länder ging. Gleichzeitig trat die Entwicklung beider Wissenschaften in eine neue Phase. Einerseits konnte ein halbwegs organisierter Aufbau und Ausbau erfolgen, andererseits gab die politi-sche Führung sehr klare Vorgaben für die Grundorientierung von Forschung, Lehre und Pra-xis. Daß sich diese Vorgaben alle paar Jahre durch entsprechende Veränderungen in der poli-tischen Führung änderten, erwies sich als nicht gerade förderlich. Hinzu kam, daß beide Wis-senschaften durch ihren Gegenstand bevorzugtes Ziel der im weitesten Sinne maoistischen Linken wurden, für die das Bewußtsein des Menschen ein zentraler Faktor in der politischen Auseinandersetzung zwischen Kommunismus, Kapitalismus und Feudalismus war. Ihren Hö-hepunkt erreichten diese Auseinandersetzungen während der Kulturrevolution, als die Psychologie verboten wurde, sich die Psychologen im besten Fall andere Betätigungsfelder suchen mußten, und sich weniger glückliche Psychologen und Psychiater einer "Umerziehung durch die Massen" unterziehen mußten. Nach Beendigung der Kulturrevolution und insbe-sondere ab 1978 konnte schrittweise eine Freiheit der Wissenschaft in relativ großzügig ge-stalteten Grenzen erreicht werden, die Quantität und Qualität der Psychologen und Psychiater, der psychiatrischen Einrichtungen und der Forschung sind sprunghaft angestiegen, an der unzulänglichen staatlichen Planung, Durchführung und Finanzierung in diesen Bereichen hat sich jedoch nur etwas, aber nicht sehr viel geändert. Hinzu kommen immer stärker hervortretende grundlegende Veränderungen der Gesellschaft und der medizinischen Versorgung, die eine weitgehende Neuorientierung erforderlich machen.