Hartwig, Ulrike:

Eine FMRI-Vorstudie zum Verständnis und zur Untersuchung von Craving bei Opiatabhängigen

Duisburg-Essen (2005), 46 Bl.
Dissertation / Fach: Medizin
Medizinische Fakultät » Universitätsklinikum Essen » LVR-Klinikum Essen » Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Jüptner, Markus (Doktorvater, Betreuerin)
Dissertation
Abstract:
Hintergrund: Im klinischen Alltag ist immer wieder zu beobachten, dass erfolgreich entgiftete Drogen-Abhängige trotz erfolgreich abgeschlossener Entgiftungsbehandlung, hoher Motivation zur Abstinenz und gutem sozialen Hintergrund aus scheinbar nichtigen Anlässen rückfällig mit dem Drogenkonsum werden. Warum verhalten sich diese Patienten (wider besseres Wissen) so selbstschädigend, und wodurch kommen diese immer wiederkehrenden Verhaltensweisen zustande? Welches sind die beteiligten Hirnareale? Die Rückfallprophylaxe ist ein wichtiger Gegenstand aktueller Suchtforschung. Von zentraler Bedeutung für das Verständnis des Rückfallgeschehens ist das sogenannte Craving-Konzept. Zielsetzung: Vor der Untersuchung von Opiatabhängigen sollte in dieser hier vorgestellten Arbeit zunächst das notwendige Paradigma für die fMRI-Untersuchung etabliert werden. Vorstudien dieser Art - bei der auch die Kontrollbedingung emotional nicht neutral ist - gab es bislang nicht. Probanden und Methode: Bei 9 Versuchspersonen wurde der regionale Blutfluss (rCBF) als Marker der neuronalen Aktivität mit Hilfe der funktionellen Kernspintomographie (fMRT) untersucht. Videopräsentationen: Im ersten, sog. Drogen-Video (nur Film, kein Ton) wurde für die Dauer von 90 Sekunden ein Drogenabhängiger gezeigt, der am Frankfurter Hauptbahnhof ankommt, über eine Rolltreppe zum Bahnhofsvorplatz hinauffährt, dort eine Drogenration (Tütchen mit einer weißen Substanz) erwirbt, diese über einer umgekippten Getränkedose zubereitet und sich direkt vor Ort (im Stehen) inguinal injiziert. Im zweiten, sog. Kontroll-Video (ebenfalls nur Film, kein Ton) wurde für die Dauer von 90 Sekunden die Vorbereitung und der Beginn einer Nieren-Operation gezeigt, wobei die Einstellung im wesentlichen auf die Hautinzision und die ersten kutanen Präparationsschritte beschränkt bleibt. Die Präsentation der Videos erfolgte alternierend, um eventuell auftretende Habituationseffekte nach mehrfacher Darbietung eines Videos auszugleichen. Die Videos wurden jeweils für die Dauer von 90 Sekunden dargeboten. Alle 3 Sek. erfolgte ein über Kopfhörer dargebotener Ton, der den Studienteilnehmern signalisierte, dass sie durch Tastendruck auf dem Loumitouch-Gerät ihre Befindlichkeit angeben sollten. (1 = vollständige Entspannung, 4 = maximale Anspannung/Erregung). Nach dem Ende einer Videopräsentation wurden über eine Gegensprechanlage 6 weitere Fragen zur Befindlichkeit gestellt. Datenauswertung: Erfolgte mit Hilfe der SPM-Software (Friston et al. 1995); die Berechnung signifikanter Blutflussveränderungen erfolgte mittels t-Statistik in SPM'99 (p<0.001, korrigiert für multiple Vergleiche). Zusammenfassung und Schlussfolgerung: Es gab einen deutlichen Unterschied zwischen den aktivierten Hirnarealen durch die beiden Videos bei den gesunden Versuchspersonen: das Sucht-Video, das sich durch häufige Szenenwechsel auszeichnete, aktivierte vornehmlich Strukturen des Temporallappens, welche entlang des ventralen visuellen Verarbeitungsweges leiten und als "Tor zum limbischen System" gelten: die Parahippocampal Place Area, ein phylogenetisch altes Modul zur Geometrieerkennung im Raum. Das OP-Video aktivierte vornehmlich Areale des Frontallappens, welche das Mirror-Neuronen-System (ein Empathie ermöglichendes Modul) und die sprachgenerierende Broca-Region einschließen. Opiatcraving war bei keiner Versuchsperson auszulösen. Das im Rahmen dieser Arbeit etablierte Paradigma für die funktionell bildgebenden Studien läßt erwarten, dass sich die neuroanatomischen Korrelate des Cravings bei Opiatabhängigen mit diesem Paradigma untersuchen lassen.

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