Saguner, Oylar:

Die Selimiye-Moschee und das Erscheinungsbild des osmanischen Hofbaumeisters Sinan : eine kulturgeschichtliche Betrachtung der Entwicklung der osmanischen Architektur des 16. Jahrhunderts

Duisburg-Essen (2005), XIV, IV 304 S.
Dissertation / Fach: Kunst, Design
Fakultät für Geisteswissenschaften » Institut für Kunst und Kunstwissenschaft
Dissertation
Abstract:
Jemandem, der mit der osmanischen Architektur nicht vertraut ist und zumal ihre gewaltigen Ausmessungen nur anhand von Bildern beurteilen will, sei erläuternd ans Herz gelegt, dass die "großen Moscheen" der Architektur von Sinan an Ausmaßen der des (sogar späteren) "Kölner Doms" entsprechen, also "gigantische" architektonische Lösungen darstellen. Der osmanische Hofbaumeister Sinan (1490-1588) genießt ein sehr hohes, fast mythisches Ansehen nicht nur bei den Architekten und Künstlern des Landes, sondern auch bei den breiten Bevölkerungsschichten. Seine Bauwerke sind allgegenwärtig, ganz gleichgültig, wo man sich in der Türkei oder in den angrenzenden Ländern bewegt. Diese Vielzahl an Bauwerken ist in seiner sehr langen Tätigkeit als Oberhaupt der Hofbaumeister in der Blütezeit des Osmanischen Reiches entstanden. Er hat unter drei Großherren (Süleyman dem Prächtigen, Selim II. und Murad III.) und sieben staatspolitisch sehr erfolgreichen konvertierten großwesiren (Damat Ibrahim Paşa, Rüstem Paşa, Sokollu Mehmet Paşa, Semiz Ali Paşa, Lala Mustafa Paşa, Koca Sinan Paşa und Özdemiroğlu Osman Paşa) zwischen 1529-1588 fast sechzig Jahre lang als Soldat, Ingenier und Hofbaumeister gedient. Er hat in allen Regionen des Osmanischen Reiches gebaut, jedoch befinden sich seine größeren Bauwerke wie die Sultans-Moscheen mit einer Ausnahme alle in der Hauptstadt Istanbul. Hiervon weicht die Sultansmoschee von Selim II., die Selimiye-Moschee ab, die von Selim II., dem Sohn Kanuni Sultan Süleyman I. „des Prächtigen“, gestiftet wurde und nun überraschenderweise in der früheren Hauptstadt Edirne erbaut wurde. Ein erster Schwerpunkt der hier vorgelegten Untersuchung besteht in dem Versuch, dieser Frage nach dem überraschenden Grunde für die Standortwahl Edirnes durch genauere Analyse der Stadtgeschichte und der städtebaulichen Entwicklung von Edirne näherzukommen und sie damit einer bisher noch nicht existierenden Antwort zuzuführen. Dabei spielt natürlich eine Rolle, dass die inzwischen völlig unbedeutend gewordene frühere Hauptstadt Edirne in den Augen des Bauherrn Selim II. an einer bevorzugten, verkehrspolitisch herausragenden Stelle angesiedelt war, nämlich im Netz verschiedener Verkehrswege von Flüssen und Strassen, Verkehrswegen insbesondere, die mit den Eroberungsplänen und mit der osmanischen Expansionspolitik auf dem Balkan und Europa zusammenhängen. Eine Ansiedlung von hauptstädtischen Überlegungen dieses Sultans kann nur im Zusammenhang mit der sich in dieser Zeit ändernden Art der Handelswege zusammengehangen haben, die inzwischen über das Kap der guten Hoffnung Handelswege per See in Richtung Fernost ermöglichten, wie sie ursprünglich nur auf den berühmten Strassen wie der „Seidenstrasse“ und der „Gewürzstrasse“ existiert hatten. Diese Frage genauer zu analysieren, hatte den Autoren dieser Dissertation schon in jungen Jahren des Architekturstudiums beschäftigt, und sie war bislang noch nicht beantwortet worden. Ein zweiter große Fragenkomplex betrifft die immense Anzahl von Bauwerken, die dem großen Baumeister Sinan zugeschrieben werden (mehr als 400), obwohl er selbst in 50 Jahren Bautätigkeit unmöglich gleichzeitig an so vielen verschiedenen Orten Bauwerke im Blick gehabt haben kann. Eine Analyse der Zuschreibung solcher Bauwerke an Sinan war erforderlich, die insbesondere auch ergeben sollte, welche Bauwerke ihm nun originell tatsächlich zugeschrieben werden können. Drittens war im Zusammenhang mit der spezifischen Form des Baustils von Sinan eine weitere bislang ungeklärte Frage zu erörtern, nämlich ob es in der osmanischen Architektur eine definierbare Abfolge von Baustilen gibt, wie sie für die abendländische Architektur üblich geworden sind (Romanik, Gotik, Renaissance, Barock etc.). Auch diese Frage einer architektonischen Typologisierung osmanischer Baustile ist durch die bisherige Wissenschaft nicht befriedigend gelöst, obwohl es wissenschaftliche Ergebnisse in Arbeiten von Dogan Kuban, Aptullah Kuran, Metin Sözen, Gülru Necipoglu-Kafadar und Jale Nejat Erzen schon als erste rudimentäre Ansätze von Relevanz zu beachten gibt. Die notwendigen wissenschaftlichen Ergänzungen hierzu sollen aber in der vorliegenden Arbeit ebenfalls geliefert werden. Viertens lässt sich eine Erörterung des Lebenswerks stilbestimmender Art wie das des Baumeisters Sinan natürlich überhaupt nicht gestalten, ohne auf dessen persönlichen Werdegang einzugehen. So wird - teilweise nur im Anhang - auf die Jugendjahre von Sinan, seinen Militärdienst, seine vermutlich zweimalig erfolgte Rekrutierung durch die osmanische Knabenlese eingegangen und mit weiteren Gründen verknüpft, die dazu führten, dass er sich schließlich sogar zum obersten Leiter der Hofarchitekten entwickeln konnte. Diesem Komplex wird daher neben dem Anhang ebenfalls einiger Raum im Kern der Dissertation gewidmet. Fünftens soll eine gesonderte Betrachtung der Persönlichkeit des Bauherrn Selim II. deswegen gelten, weil er nicht nur den ungewöhnlichen neuen Standort Edirne bestimmt hatte, sondern auch vermutlich in engem Kontakt mit seinem Baumeister Sinan Einfluss auf die architektonischen Einzelheiten, z.B. die sakrale Wirkung des Kuppelbaus, wie Sinan sie dort in ganz neuer Art realisiert hat, genommen haben dürfte. Man kann in diesem Zusammenhang durchaus darauf verweisen, dass für Sinan an die Stelle von quadratischen Unterfangungen seiner großen Kuppeln auch bereits oktogonale Lösungen existiert haben, allerdings noch niemals in dieser in Edirne realisierten Form. Sechstens: Sieht man die Moscheebauten mit allen ihren Nebenkomplexen als den Kern der von Sinan besonders stark geprägten osmanischen Architekturgeschichte an, so kann man deutlich die drei großen Moscheen für seinen Bauherren Süleyman I., den Prächtigen (Sehzade-Mehmet- und Süleymaniye-Moschee) in Istanbul und den Bau der Selimiye-Moschee in Edirne1 für Selim II. unterscheiden. Man kann sie sogar als Lehrlings-, Gesellen- und Meisterstück der Moscheenarchitektur Sinans auffassen. Hierbei ist natürlich bei diesem bedeutendsten Meisterwerk der Selimiye-Moschee die Frage einer Ansiedlung in Edirne bereits zuvor in dieser Arbeit erörtert worden. Nicht jedoch ist dabei geklärt worden, wie diese Selimiye-Moschee in Edirne in ein vorhandenes stadtarchitektonisches Konzept integriert worden ist. Man kann sogar sagen, dass die Stadtarchitektur von Edirne durch Sinan auch für alle Folgezeiten mit diesem Neubau angelegt und aufgewertet wurde. Einer Untersuchung dieser stadtarchitektonischen Fragestellungen wendet sich daher dieser weitere sechste Fragenkomplex dieser Dissertation in bisher in der Literatur nicht behandelter Art zu. Siebtens wird eine nun in dieser Dissertation gewählte immer stärkere Einengung auf das Meisterwerk Sinans, die Selimiye-Moschee in Edirne eingeleitet durch eine allgemeine Betrachtung der architektonischen Konzeption einer Moschee als Kern eines viel größeren Baukomplexes, der auch mit weltlichen Bauten verwoben ist. Zu diesen weltlichen Bauten zählen stets ja ein in Imaret (Armen Asyl), ein Krankenhauskomplex, eine Koranschule, eine Grundschule, ein überwölbter Markt und eine öffentliche Badeanstalt. Eine wichtige Nebenuntersuchung, die bisher in dieser Form auch noch nicht existiert oder dem Verfasser bisher noch nicht aufgefallen ist, ist die Betrachtung der Architektur und Genese von Minaretten und ihre Bedeutung. Achtens wurde untersucht, wie sakrale Baukomplexe sich im Abendland, im Morgenland und insbesondere im osmanischen Reich entwickelt haben. Dabei lässt sich insbesondere an Hand der Betrachtung von Kuppelbauten des 16. Jahrhunderts verdeutlichen, wie die Moscheebauten von Sinan einzuordnen sind. Es folgt dann eine genauere Analyse des Komplexes der Selimiye-Moschee in Edirne. Hierbei wird natürlich das städtebauliche Konzept und werden alle Einzelheiten der Moscheestruktur mit ihren ganzen Nebengebäuden ins Auge gefasst. Insbesondere kommt hier nun die vom Verfasser dieser Dissertation erstmalig so gefasste Überlegung zum tragen, dass sich muslimische Kuppelbauten insbesondere der osmanischen Architektur stets der zusammenfassenden Gemeinschaft der miteinander Betenden stärker verpflichtet gefühlt haben, als man dies in westlichen Kirchen einschließlich sogar des Kuppelbaus von St. Peter in Rom gewohnt ist. Die Unterbrechung etwa des unter der Kuppel befindlichen Gebetsraums in St. Peter durch vier große Bündelpfeiler dient durchaus der in der christlichen Liturgie erwünschten Separation der Teilräume von Längs- und Querschiff. In muslimischen überkuppelten Gebetsräumen dagegen ist die einzige Fokussierung miteinander Betender durch die Kibla (Gebetsnische) im Süden der Moschee gegeben, wobei insbesondere die Gemeinsamkeit des (Freitags-) Gebets eine ganz besondere Rolle spielt. Eine ähnliche Fokussierung für jeden einzelnen gläubigen Juden oder Christen existiert natürlich ebenso in deren Gotteshäusern durch die geöffnete Tora bzw. das Altarkreuz. Die zusammenfassende Überwölbung des Gebetsraums ist jedoch dort kein architektonisches Ziel. Hieran knüpft sich nun eine genaue Analyse der statischen Unterfangung der sinanschen Kuppel in der Selimiye-Moschee, die nicht nur durch ein Oktogon statisch unterfangen ist, sondern auch noch durch großflächige Durchbrechung der Flächen dieses Oktogons eine besondere Transparenz der vom Sinan erwünschten Art mit sich bringt. Ein wichtiger bis heute nicht ausreichend berücksichtigter Fragenkomplex der osmanischen Moscheenarchitektur ist die Frage der Behandlung von Licht und Ton in diesen Bauten. Der Autor dieser Dissertation hat daher auch diesen Fragen besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Die von Sinan gestaltete Lichtführung in der Ausleuchtung alle entscheidenden Flächen des Gebetsraums wird durch eine Reihe von ganz besonderen architektonischen Maßnahmen gefördert, die von der Durchsetzung der Kuppel im oberen Teil durch einen Fensterkranz bis hin zur Lichtführung in die entlegensten Zwickel und Teilflächen wie Galerien, niedrig gesetzten Erdgeschossfenstern etc. des Innenraums reicht. Auch diese Art der Ausleuchtung unterscheidet sich von der, die die Architektur der Kuppelbauten im Abendland als Charakteristikum besitzt. Ein detaillierter Abriss aller dieser Maßnahmen ist daher ausgeführt worden. In ähnlicher Weise war die Frage der akustischen Innenraumgestaltung angesichts stattfindender gemeinsamer Gebete und Ansprachen eines Vorbeters (Imam) von Bedeutung, wobei Fragen eines zu großen Nachhalls, den man etwa in großen gotischen Bauten des Westens beklagen muss, von vornherein durch Eigenarten der Architektur vermieden worden, ohne dass der Klang zu trocken wurde (trocken= kurzer Nachhall). Selbstverständlich wird hierbei nicht übersehen, dass die ausgelegten Teppiche im Gebetsraum eine große Rolle gespielt haben, jedoch kann andererseits nicht genügend betont werden, wie stark angebrachte Resonatoren an den Decken, Kuppeln und Wandflächen hier ingenieurtechnisch zur Streuung des Schalles geführt haben, wie dies bisher noch nicht in dieser Form zur Kenntnis genommen wurde. Wie unbekannt diese architektonische Eigenschaft der großen osmanischen Architektur geblieben ist, kann man an den vielen fehlerhaften Rekonstruktionen und Anbauten an solche Moscheen erkennen, bei denen derartige Resonatoren z.B. als Entlüftungselemente missverstanden wurden und gegebenenfalls nicht einmal restauriert, sondern überputzt und eliminiert wurden. In diesem Zusammenhang wurden auch die wichtigsten Teile der liturgisch erforderlichen Elemente der Innenausstattung aus kulturhistorischer wie architektonischer Sicht behandelt. Der weiterhin in dieser Architektur zu behandelnde Komplex der Oberflächengestaltung bei Innen- und Außenfassaden sowie der Kuppel stellt einen abschließenden Teil der Betrachtung dar. Insbesondere geht der Autor auf die Frage der bildlichen und nichtbildlichen Dekoration solcher Innenflächen ein und vertritt die Ansicht, dass der vom Islam geforderte Verzicht auf bildliche Darstellung von Lebewesen und gar Gott keineswegs zu einer Verarmung künstlerischer Art bei der Gestaltung dieser Flächen geführt hat. Er erläutert insbesondere den ungeheuren Reichtum der abstrakten inneren Ornamente unter Zuhilfenahme von Kacheln, Farben, Malerei und ins Unendliche variierbarer floraler Elemente und Girlandentechnik, aber auch unter Benutzung der sehr dekorativen Form von arabischer Schrift. Dazu gehört sogar dann auch die Benutzung von verschiedenfarbigen Ziegeln und Backsteinen, wie auch die Formung von Oberflächen mit Mukarnassen. In Zusammenhang mit der Gestaltung der Oberflächen spielt dabei eine mituntersuchte Frage eine Rolle, wie nämlich diese Flächen zum Gesamtbauwerk in Proportion gesetzt sind. Die verschiedenen Relationen geometrischer, mathematischer und architektonischer Art werden hierbei mit angeführt: Goldenes Dreieck, goldenes Viereck, goldenes Mehreck, Fibonacci, Goldener Schnitt usw. Den endgültigen Abschluss der Arbeit stellt dann noch ein Exkurs dar, der die seit dem 16. Jahrhundert an diesem grandiosen Bau Sinans vorgenommenen Anbauten und verschiedenen Änderungen behandelt. An Hand von Anbauten kann der Verfasser nachweisen, dass hier architektonisch sehr viel geringere Begabung am Werke war, weil ganz offensichtliche Mängel der architektonischen Gesamtsicht nicht zu übersehen sind. Dies lässt sich auch mit einer Fülle von Bildern und zeichnerischen Beweisen mühelos darstellen. Dabei sind - neben Mängeln bei den konstruktiven Elementen wie Bögen mit falscher Dimension, schief eingesetzten dekorativen Rahmengittern, ungleichen Säulenabständen - fehlende saubere Übergänge zwischen den Anbauten und dem Hauptbaukörper ebenso zu bemängeln. Solche Fehler kann man auch bei der Behandlung der dekorativen Flächengestaltung etwa der Decke der Kuppel erkennen: Die bei der ursprünglich in wunderbarer Abstimmung zu der Farbgebung der Kacheln der Wände passenden blaue Töne der Kuppelbemalung wurden durch völlig falsche Farbgebungen in orange-rot ersetzt. Alle im Text angeführten Beweisführungen werden durch geeignetes Bildmaterial belegt und können gegebenenfalls durch eine beigefügte DVD- Bildplatte weitere Plausibilität erhalten, obwohl der Text dieser Dissertation schon alle Argumente ausreichend vermitteln sollte. Auch wurden Informationen über die Metrologie, Chronologie der Osmanen, die Geschichte zur Zeit Sinans sowie ein Werkskatalog Sinans in den Anhang verschoben.