Pluralisierung der Berufsbildung als Innovationsstrategie - Modernisierung der Qualifikationsentwicklung im Spannungsfeld von Regulierung und Deregulierung

Prof. Dr. Kutscha, Günter

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Im Kontinuum zwischen Markt und Staat lassen sich in der Europäischen Union drei grundlegende Organisationsmodelle beruflicher Bildung unterscheiden: das vorrangig marktgesteuerte, modularisierte System der Nationalen Beruflichen Qualifikationen (NVQ) in England, das in erster Linie staatlich geregelte, vorwiegend schulisch organisierte Ausbildungssystem in Frankreich, das berufsförmig strukturierte System der dualen Berufsausbildung in Deutschland als „Mischsystem" mit marktwirtschaftlichen, staatlichen und korporatistischen Steuerungskomponenten. Von grundsätzlicher Bedeutung für die duale Berufsausbildung in ihrer typischen Ausprägung „als deutsches System" der Berufsausbildung sind folgende Gestaltungs-, Ordnungs- und Verfahrensprinzipien: die Verbindung praktischer Erfahrungen in Ausbildungsbetrieben und theoretischem Lernen im berufsbezogenen und allgemeinen Unterricht der Berufsschule (Dualität als berufsdidaktisches und lernortorganisatorisches Gestaltungsprinzip), die Vermittlung beruflicher Handlungskompetenzen im Rahmen staatlich anerkannter Ausbildungsberufe (Berufsprinzip als ordnungspolitisches Leitkonzept für die Vermittlung fachlicher Kenntnisse und Fertigkeiten in „geordneten Ausbildungsgängen"), die auf Konsensfindung ausgerichtete sozialpartnerschaftliche Zusammenarbeit auf zentraler und regionaler Ebene (Konsens als sozialpartnerschaftliches Verhandlungssprinzip) sowie die Einbeziehung der Kammern und sonstiger „zuständiger Stellen" im Sinne des Berufsbildungsgesetzes mit der Wahrnehmung von Regelungs-, Aufsichts- und Beratungsfunktionen (Prinzip der öffentlich-rechtlichen Ausübung hoheitlicher Befugnisse durch die Selbstverwaltungsorgane der Wirtschaft). Die deutsche Form der Berufsausbildung ist weltweit unter dem Markenzeichen „Duales System" bekannt und geschätzt. Gleichwohl ist diese Bezeichnung eher irreführend. Denn was die Lernorte betrifft, so haben wir es heute mit einer „Pluralität" von Lernorten und Lernortkombinationen zu tun (betriebliche Arbeitsplätze und Lehrwerkstätten, überbetriebliche Ausbildungsstätten, berufliche Schulen etc.). Und auch die Steuerung des Systems beschränkt sich nicht auf die Dualität von Staat und Markt bzw. Schule und Betrieb, sondern hebt sich gerade dadurch hervor, daß sie die Vielfältigkeit der Interessen von Arbeitgeberorganisationen, Gewerkschaften und Fachverbänden in einem komplexen Aushandlungsprozeß berücksichtigt. Die „geregelte Pluralität" des dualen Systems hat in der Vergangenheit ganz wesentlich dazu beigetragen, daß sich die Berufsausbildung relativ flexibel an die sich ständig ändernden Anforderungen des Beschäftigungssystems anpassen konnte, ohne die bewährte Form der berufsförmig organisierten Verbindung von Theorie und Praxis in „geordneten Ausbildungsgängen", wie es im Berufsbildungsgesetz heißt, preiszugeben. Die deutsche Form der Berufsausbildung ist weltweit unter dem Markenzeichen „Duales System" bekannt und geschaetzt. Gleichwohl ist diese Bezeichnung eher irreführend. Denn was die Lernorte betrifft, so haben wir es heute mit einer „Pluralitaet" von Lernorten und Lernortkombinationen zu tun (betriebliche Arbeitsplaetze und Lehrwerkstaetten, überbetriebliche Ausbildungsstaetten, berufliche Schulen etc.). Und auch die Steuerung des Systems beschraenkt sich nicht auf die Dualität von Staat und Markt bzw. Schule und Betrieb, sondern hebt sich gerade dadurch hervor, daß sie die Vielfaeltigkeit der Interessen von Arbeitgeberorganisationen, Gewerkschaften und Fachverbänden in einem komplexen Aushandlungsprozeß beruecksichtigt. Die „geregelte Pluralitaet" des dualen Systems hat in der Vergangenheit ganz wesentlich dazu beigetragen, daß sich die Berufsausbildung relativ flexibel an die sich ständig ändernden Anforderungen des Beschaeftigungssystems anpassen konnte, ohne die bewährte Form der berufsförmig organisierten Verbindung von Theorie und Praxis in „geordneten Ausbildungsgängen", wie es im Berufsbildungsgesetz heißt, preiszugeben. Der vorliegende Beitrag ist auf einen speziellen Aspekt der Modernisierung des dualen Systems fokussiert: auf die Gestaltung von Vielfalt und Pluralität des Ausbildungssystems. Diese Akzentsetzung darf nicht mißverstanden werden. Es geht nicht um Vielfalt und Pluralitaet als Gegensatz zum dualen System, sondern um die Frage nach dem Modernisierungspotential von Vielfalt und Pluralitaet auf dem Entwicklungspfad des dualen Systems unter dem Anspruch der Zugaenglichkeit dieses Systems für alle, die eine Berufsausbildung wuenschen. Die Realisierung dieses Anspruchs ist der Pruefstein für die Tauglichkeit und Qualitaet des dualen Systems als eines „deutschen Systems" der Berufsausbildung, das nicht nur einer privilegierten Auswahl von Jugendlichen zugaenglich sein darf. Die öffentliche Verantwortung fuer die berufliche Ausbildung der heranwachsenden Generation ist unteilbar. Unter dieser Voraussetzung werden die „neuralgischen Stellen" des dualen Systems geprueft und mit Innovationspraxen ausgewählter EU-Staaten verglichen.
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Dokumententyp:
Veranstaltungen, Tagungen, Ereignisse » Projektbericht, Report, sonstiger Bericht
Fakultät / Institut:
Fakultät für Bildungswissenschaften » Institut für Pädagogik
Stichwörter:
Modularisierung, regulation and deregulation of vocational training, Berufsbildung, berufliche Bildung, Berufsbildungssystem, duales System der Berufsausbildung, dual system of vocational education and training
Beitragender:
Prof. Dr. Kutscha, Günter [Gutachter(in), Rezensent(in)]
Sprache:
Deutsch
Kollektion / Status:
Lehr- und Lernmaterial / Dokument veröffentlicht
Dokument erstellt am:
20.09.2000
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20.09.2000
Medientyp:
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