Schule und bürgerschaftliches Engagement - Lernallianzen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz als Beitrag zu einer aktiven Bürgergesellschaft?

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Schule in Deutschland ist in weiten Teilen immer noch am bürokratischen System orientiert. Die Schule hängt von Entscheidungen des Staates ab. Aber in den letzten Jahren entwickelte sich eine neue Steuerung oder „Governance“ auf der Mikro-, Meso- und Makro-Ebene, die das Erziehungssystem langsam verändert. Schule öffnet sich zum eigenen Umfeld zum Beispiel in der Kommune, zu Jugendorganisationen oder zu Sportvereinen, d.h. zur Zivilgesellschaft. Selbststeuerung von Bildungsinstitutionen wie die Schule war eine grundlegende Idee der Bildungsreform in den 1970er Jahren – soziologisch weiterentwickelt von Eckart Pankoke, der vor allem die Relationen zur Umwelt und die Rückwirkung der Umwelt auf das System als Abgrenzung zur Selbstgenügsamkeit beschrieb. Die zentrale Fragestellung der Dissertation lautet: Wie erfolgt eine Modernisierung mit der Öffnung der Schule nach außen und nach innen? Daher möchte ich der Frage nachgehen, wovon das Engagement in der Schule abhängt und die Hypothese in Mittelpunkt stellen, ob in der Schule Engagement vom Bildungsstand abhängig ist oder von Gelegenheitsstrukturen. Rheinland-Pfalz wurde 2004 als Referenzland herangezogen, weil in diesem Bundesland die „Ganztagsschule in Angebotsform“ etabliert war und Kooperationen mit zivilgesellschaftlichen Organisationen zum Ganztagsprogramm gehörten. In Nordrhein-Westfalen dagegen bauten sich ab dem Schuljahr 2003/2004 die Ganztagsschulen erst auf. In den letzten Jahren hat sich Schule aber rasant geändert. So sind in Nordrhein-Westfalen inzwischen die Hälfte aller Hauptschulen Ganztagsschulen. Obwohl die Schulen jener Ort sind, wo bürgerschaftliches Engagement stattfindet und untersucht werden soll, versteht sich diese Dissertation als ein Beitrag zur Engagementforschung, die dem Dritten Sektor und nicht der Schulforschung zugeordnet ist. Umso notwendiger ist es, soziologisch zu begründen, wie diese Kooperation zwischen Zivilgesellschaft und Schule die Rollen in den Schulen verändert und ausgestaltet. Dazu wurde in dieser Arbeit qualitativ geforscht und die Rollen der Interviewpartner genauer untersucht. Die Interviewpartner wurden nach dem „theoretical sampling“ ausgewählt. Dieser Ansatz versucht, den Forschungsgegenstand von innen heraus zu verstehen. Das Verständnis zielt darauf ab, den Interviewten aus dem Blickwinkel seiner eigenen Wirklichkeit und im Kontext seiner relevanten Denk- und Verhaltensmuster holistisch zu betrachten und zu verstehen. Der theoretische Bezugsrahmen bildet die Systemtheorie nach Niklas Luhmann, Uwe Schimank, Thomas Brüsemeister, Talcott Parsons und Dirk Baecker. Um Engagementpotenziale im Erziehungssystem entdecken zu können, wird ein theoretischer Bezugsrahmen herangezogen, der unterrichtliche und außerunterrichtliche Aktivitäten gleichermaßen erklären kann. Dabei diskutiere ich kritisch die These von Niklas Luhmann, dass es kein einheitliches Medium im Erziehungssystem gebe, und schlage eine neue Codierung und Programmierung einer modernisierten engagementfördernden Schule in Anlehnung an Dirk Baecker vor. 2 In der Rekonstruktion der Modernisierungspfade in Nordrhein-Westfalen und Rheinland- Pfalz ist festzustellen, dass Rheinland-Pfalz früher, umfassender und nachhaltiger die Schritte zur Öffnung der Schule gegangen ist. Vor allem die Konzipierung der Ganztagsschulen war dafür ausschlaggebend. Schülerinnen und Schüler sind in der Lage, „Verantwortungsrollen“ nach Helmut Klages zu übernehmen. Diese „Verantwortungsrolle“ ist eine andere Rolle als die „Schülerrolle“. Gilt in der Schülerrolle die asymmetrische Beziehung zum Lehrer, so stellt die „Verantwortungsrolle“ eine symmetrische Beziehung zu allen anderen Akteuren in der Schule her, vor allem in der Rolle des Engagierten. Grundlegend ist, dass alle Akteure in der Schule bewusst in Rollen eintreten und wieder austreten können. „Verantwortungsrollen“ müssen gelernt werden und sollen nicht zur Überforderung oder Unterforderung führen, sondern altersgemäß ausgeführt werden. Dazu ist erforderlich, dass in den Schulen „Gelegenheitsstrukturen“ für „Verantwortungsrollen“ geschaffen werden, um das Schulklima und damit die Lernfreude zu verbessern. Auch durch „Verantwortungsrollen“ werden Schlüsselkompetenzen erworben, wie sie die OECD beschreibt. Gerade die Lebenschancen der Kinder mit niedrigem Bildungsstand können dadurch verbessert werden. Eine weitere und immer noch neue Möglichkeit stellt die umfassende Beteiligung aller Akteure an und innerhalb der Schul-Homepage dar. Der Umgang mit Medien gehört zum Alltag aller Schülerinnen und Schüler. Die Schul-Homepage gewinnt immer mehr an Bedeutung – sowohl was die Information über die Schule als ein Instrument der Öffnung nach außen als auch was die konkrete Mitgestaltung als ein Projekt der Öffnung nach innen betrifft. Hier liegt ebenfalls ein großes Potenzial, um eine partizipatorische Schulkultur zu entwickeln. Die Schul-Homepage kann so zu einem integrativen Instrument der Selbststeuerung von Schulen werden. Zur Öffnung nach innen gehört auch die Elternarbeit. Sie unterscheidet sich je nach Bildungsstand, wie die Aussagen über bürgerschaftliches Engagement im so genannten „Freiwilligensurvey“ belegen. Das Potenzial des bürgerschaftlichen Engagements in der Schule zu erhöhen, ist nicht zuletzt bei den Eltern vorhanden. Neue „Gelegenheitsstrukturen“ wie Elternsprachkurse oder Elternwerkstätten zur Schulentwicklung sind Chancen, die Partizipation der Eltern in allen Schularten zu erhöhen. Aber auch klassische Elternmitarbeit wie Fördervereine kann neu ausgerichtet werden und ein kreativer Ort für die Selbststeuerung von Schulen sein. Engagementforschung sollte nach Helmut Klages immer die Frage nach dem Potenzial von „mehr Engagement“ beinhalten. In den Rollen der Akteure an Schulen kann noch wesentlich mehr an Engagement und Verantwortung für die Schule entfaltet werden, wenn die Rahmenbedingungen dafür stimmen.
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Dokumententyp:
Wissenschaftliche Abschlussarbeiten » Dissertation
Fakultät / Institut:
Fakultät für Gesellschaftswissenschaften » Institut für Soziologie
Dewey Dezimal-Klassifikation:
300 Sozialwissenschaften » 300 Sozialwissenschaften, Soziologie
Beitragende:
Prof. Dr. Strasser, Hermann [Betreuer(in), Doktorvater]
Prof. Dr. Sliwka, Anne [Gutachter(in), Rezensent(in)]
Sprache:
Deutsch
Kollektion / Status:
Dissertationen / Dokument veröffentlicht
Datum der Promotion:
08.07.2010
Promotionsantrag am:
15.12.2009
Dateien geändert am:
20.10.2010
Medientyp:
Text